Personzentrierte Systemtheorie

Wenn mich in den letzten Monaten ein Autor besonders beeindruckt und beeinflusst hat, dann ist das Jürgen Kriz. Der Emeritus für Psychotherapie und klinische Psychologie an der Universität Osnabrück, der auch (weitgehend überlappend) 25 Jahre einen Lehrstuhl in Statistik und Forschungsmethoden hatte, hat sich mit beiden Fachrichtungen recht kritisch auseinandergesetzt und den wissenschaftstheoretischen Mainstream letztlich hinter sich gelassen. In seinem Wissensdrang knüpft er bei der Synergetik des Physikers Hermann Hakens an und hat auf dieser Basis in den letzten Jahrzehnten seine „personzentrierte Systemtheorie“ entwickelt.

Die Kurzfassung und Anwendung für Coaching erschien bereits als „Systemtheorie für Coaches“. Mit diesem Buch legt der Autor die Langfassung und Summe seines Lebenswerks vor, einen Theorieansatz, der einerseits bei der Berliner Schule der Gestaltpsychologie (1930er-Jahre) ansetzt, andererseits multidisziplinäre systemtheoretische Erkenntnisse aufbereitet, die in der akademischen Psychologie in weiten Strecken noch nicht angekommen sind.

Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen – und werde mich sicher das eine oder andere Mal wieder hinein versenken. Denn es ist so anregend dicht, und doch sehr lesbar geschrieben sowie liebevoll bestückt mit zahlreichen Beispielen, dass ich nur sagen kann: Ein Lesemuss für alle Coaches, die sich systemisch nennen, sowie für solche, die es werden wollen. Aus diesem Grund habe ich auch gleich eine Rezension verfasst.

Coaching-Magazin – Jubiläum

Cover der ersten Ausgabe Coaching-Magazin (2008)Das Coaching-Magazin feiert mit der Ausgabe 4/18 sein zehnjähriges Jubiläum. Eigentlich ein Jahr zu spät. Ich wurde eingeladen, zum Jubiläum einen kleinen Beitrag zu leisten nach dem Motto: Wenn ich mich an diese ersten fünf Jahre Coaching-Magazin erinnere, was ist mir als erstem Chefredakteur besonders markant in Erinnerung geblieben? Ich war zunächst überrascht. Dann habe ich mich gefreut. Zum Schluss habe ich mich gefragt: Und worüber soll ich bloß schreiben?

Jetzt ist der Text als Teil einer Trilogie erschienen: Ein-, Rück- und Ausblicke. >>Download

 

Face-to-Face: überbewertet?

Nach intensiver Sichtung der medienpsychologischen Forschung der letzten Jahre kann man zu der Meinung kommen: Im Coaching wird Face-to-Face traditionell überbewertet. Wer das Buch von Elke Berninger-Schäfer Online-Coaching liest, wird in dieser Meinung, die ich selbst schon seit geraumer Zeit hege, bestärkt. Nun gesellen sich weitere Stimmen hinzu. So langsam nimmt das Chorstärke an …

Die Zeitschrift OSC behandelt in der aktuellen Ausgabe das Thema Digitalisierung in der Beratung. Neben der vor Kurzem von mir besprochenen Veränderung des Marktes werden weitere Aspekte betrachtet:

  • Coaching über digitale Kanäle und mit digitalen Tools passt sich in den modernen Arbeitsalltag perfekt ein (Katja Kantelberg)
  • In virtuellen Formaten verändert sich die Begegnung zwischen Coach und Klient, was Vor- und Nachteile mit sich bringt  (Dr. Karin Martens-Schmid)
  • Avatarbasiertes Coaching in einer Gaming-Umwelt könnte für die Coaching-Praxis relevant sein (Jessica Huss & Christiane Eichenberg)
  • Telefon-Coaching ist professionell und keine Billigvariante zum
    Face-to-Face-Coaching (Claudia Bredt)
  • Der Workflow des Coachs lässt sich digital optimieren (Dr. Andreas Knierim)

Ein Zitat aus dem Interview mit Claudia Bredt mag illustrieren, was sich hier verändert und was dabei wichtig ist: „Ich habe aufgehört, das Face-to-Face-Coaching überzubewerten. Ich schenke seitdem der Rahmung des Telefoncoachings besondere Beachtung. Der Klient ist ja wirklich mutig, wenn er sich darauf einlässt. Er muss sich trauen und dafür auf der Seite des Coachs Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren. Wichtig ist hier die Botschaft, dass ich dem Klienten diese Form der Beratung als effektives Lernfeld zutraue. Doch eigentlich ist das in der Face-to-Face-Beratung nicht anders. Die Frage des Vertrauens hat aus meiner Sicht wenig mit dem Medium zu tun, sondern vielmehr mit einer verlässlichen Struktur, die ich im Telefoncoaching genauso anbieten kann wie in einer Face-to-Face-Situation“ (S. 351f.).

Online-Coaching: Das Lehrbuch

Berninger-Schäfer (2018). Online-CoachingBislang fehlte eine medienpsychologische Grundlegung und Anwendung von Online-Coaching. Elke Berninger-Schäfer legt diese nun in der Breite und Tiefe in ihrem Lehrbuch  Online-Coaching vor. Endlich kann das Publikum den Stand der Forschung wahrnehmen und sich hoffentlich inspirieren und für Neues begeistern lassen.

Zentral erhellend ist, was die Autorin in Kapitel 7 unter „spezifische Wirkfaktoren im Online-Coaching“ vorträgt. Hier zeigt sich sehr klar, dass es gar keinen Grund für ein bislang moniertes Defizitmodell des Online-Coachings („Kanalreduktion“) gibt:

  • Inzwischen gilt als Evidenz-basiert , dass online eine stärkere Selbstoffenbarungsneigung entstehen kann; und zwar insbesondere bei visueller Anonymität (Nähe durch Distanz).
  • Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus der „hyperpersonalen Perspektive“: „Bei Online-Anwendungen ist (…) mehr Selbststeuerung möglich, wenn Personen beispielsweise darüber entscheiden können, wann Sicht- bzw. Hörbarkeit zugelassen wird, wie lange jemand online sein möchte, wann und in welcher Form (synchron oder asynchron) bzw. welche Tools eingesetzt werden“ (S. 52).
  • Es gibt deutliche Belege dafür, dass sich auch die emotionale Nähe zwischen Online-Kommunikationspartnern steigern kann – aufgrund fehlender Ablenkung durch Hinweisreize.
  • In schriftbasierter Kommunikation lässt sich offenbar eine Steigerung der Reflexionsprozesse beobachten.
  • Zudem lässt sich die Umsetzungsunterstützung, eine Achillesferse bislang im Coaching, online-basiert viel besser gestalten, vor allem in 3-D-Welten: Hier spielen Presence, Immersion, Involvierung und Identifikation mit einem Avatar eine nicht zu unterschätzende Rolle.

„Kanalreduktion“, so lässt sich bilanzieren, kann also auch – bislang weniger fokussierte – kommunikative Vorteile gegenüber dem klassischen Face-to-Face-Coaching produzieren. Vielleicht ist das zurzeit noch recht spekulativ, aber eventuell könnte man bald den Spieß mit dem Defizitmodell auch umdrehen, sodass die Online- die Offline-Möglichkeiten überstiegen …

Eine längere Buchbesprechung aus meiner Feder ist in der Zeitschrift OSC erschienen.

Wie Digitalisierung den Coaching-Markt verändert

Wenn Digitalisierung und Coaching in einem Satz zusammen treffen, denken viele zunächst an coachende Roboter, die den Profi ersetzen sollen. Das ist aber nur ein Aspekt unter anderen. Dr. Thomas Bachmann und Dr. Beate Fietze beschreiben in ihrem lesenwerten aktuellen OSC-Beitrag weitere Konsequenzen. So verändert die Digitalisierung (u.a.) auch den Coaching-Markt.

Was da auf die Branche zukommt, konnte man erahnen, als Xing plötzlich Xing-Coaches gründete: Statt der bislang angenommen 8.000 Coaching-Profis waren nun plötzlich  138.000 im Markt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Beispielsweise, dass eventuell gar mancher, der nicht „bei drei auf den Bäumen war“, kurzerhand zum Coach „befördert“ wurde. Oder dass sich unter der Masse wohl auch Studenten, Hobbypsychologen oder schräge Zeitgenossen befinden könnten.

Xing betrachtet seine riesige Datenbank als Telefonbuch, das es zu vermarkten gilt. Hier kommt der Akteur nicht von der fachlichen, sondern von der (markt-)technischen Seite. Der Techniker digitalisiert alles, was sich digitalisieren lässt, ob es sinnvoll ist oder nicht, wenn es sich verkaufen lässt. Neben Xing gibt es inwischen etliche weitere Broker auf dem Markt, die sich zwischen Anbieter und Nachfrager schieben: bettercoach.de, coachfox.com, coachimo.de oder coach.me. Jüngst erst ist die Haufe-Gruppe bei klaiton.com eingestiegen.

Coaching wird zum Produkt degradiert

Und dafür gibt es Gründe. Beide Marktseiten haben das Problem, zueinander zu finden. Denn Coaching ist eine Dienstleistung, kein Produkt. Coaching ist ein Vertrauens- und Erfahrungsgut. Darauf hat u.a. Peter-Paul Gross hingewiesen, dem wir die Marburger Coachingmarkt-Studie verdanken. Die klassischen Mitgliederverzeichnisse, die die Verbände online anbieten, sind unzureichend. Die Schwierigkeiten und die Unsicherheit eines Machtings, suggerieren die neuen Plattformen, sollen – beiden Seiten – genommen werden. Durch einen Algorithmus.

Wenn dieses Wort fällt, klingt das für mich verdächtig nach Voodoo, nach gewaltigen Versprechungen. Auf dem Markt der Personalauswahl findet dieses Black-Box-Modell immer wieder Zulauf: Weil es Personalern an Wissen fehlt und sie deshalb überfordert sind. Die DIN 33430, die es besser weiß, kann man sich dann sparen. In die Black-Box will man gar nicht rein schauen, man macht lieber die Nummer mit den Fähnchen.

So also auch beim Thema Coaching, das so zum Produkt degradiert wird. Nach dem Motto: „Ich war gerade beim Friseur. Gefällt Dir meine Frisur? Willst Du sie mal tragen? Hier, probiere sie doch mal an!“ Oder der Personaler zum Coach: „Müller tut’s nicht mehr. Können Sie den mal reparieren? Wann kann ich ihn wieder abholen?“ Coaching als Produkt.

Dienstleistungen sind  jedoch Koproduktionen, die Leistung des Coachs kann man nicht isolieren. Aber genau solches wird hier suggeriert: Modell „Autowerkstatt“, Herr Müller bekommt eine neue Lichtmaschine und einen „Motivationsölwechsel“.

Coaching-Markt: From hunting to farming

Ob die Makler wissen, was sie da maggeln und nach welchen Kriterien? Wer weiß? Man kann so manches mutmaßen, sie beackern jedenfalls einen Markt, sie sammeln sich da eine prächtige Herde zusammen, all das soll Ertrag bringen, sonst würde man es nicht machen. Dabei handeln die Makler mit nicht unerheblichen Datenmengen über Coaches, über Mitarbeiter, über Unternehmen. Da könnten einen gelegentlich Zweifel plagen: Ob das sicher ist/bleibt? Wo gehen die Daten hin? Was kann man noch damit anstellen jenseits der primären Nutzung? Und sind die Daten echt oder fake? Was bedeutet beispielsweise eine schlechte Bewertung des Coachs durch den Klienten? Das dieser schlecht ist? Oder dass sich ein Klient dafür rächen wollte, dass der Coach ihn auf seinen wunden Punkt hingewiesen hat? Den Zahlen sieht man den Unterschied nicht an, ob Äpfel und Birnen in den Topf geworfen wurden.

Bachmann und Fietze verweisen auf einen weiteren, gravierenden Punkt: „Die Mediatisierung der Professionen bedroht (…) ihre Autonomie und Deutungsmacht, das Herzstück der Professionen“ (S. 284). Wofür braucht man noch Verbände, wofür Kongresse, Supervision, Wissenschaft, Ethik? Professionalität definieren dann kommerzielle Anbieter. Deren Interessen sind kommerziell. „Wahr“ wird dann, was die Kasse füllt. Wohin das führen kann, konnte man erst jüngst am Beispiel des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) erleben: Man lädt einen Scharlatan als Keynote-Speaker ein, weil der die Massen zieht, die dann die Kassen füllen.

In den Worten von Bachmann und Fietze: „Was ein gutes Buch ist, bestimmt der amazon-Verkaufsrang und nicht das Literarische Quartett; einen guten Gastgeber erkennt man an den Bewertungen bei airbnb und die „Wahrheit“ daran, wie oft ein Beitrag auf facebook geteilt wurde“ (S. 286).

Zurück zum Coaching:

  • Dr. Christopher Rauen, der 1. Vorsitzende des DBVC, betreibt als Unternehmer die coachdatenbank.de
  • Oliver Müller, Gründer und Vorstandsmitglied bis 2010 des DCV, fungiert bei bettercoach.de als Berater für die Qualitätssicherung
  • Die ICF unterstützt coachfox.com

Jetzt könnte man argumentieren, besser, man mischt da mit, als dass man außen vor bleibt und andere das Geschäft betreiben. Doch die Frage nach dem „Herzstück der Professionen“ (Bachmann & Fietze) bleibt weiter offen – und diskussionswürdig.

Coaching und künstliche Intelligenz

Ein Gespenst geht um in Europa: die künstliche Intelligenz! Und die bedroht uns … Was ich in den letzten Wochen zu dem Thema gelesen habe, ist an Naivität, Missverständnissen und schrägen Schlüssen kaum zu überbieten. Ich bin wirklich entsetzt. Nun gerät mir dieser Beitrag von Benno Grams im Coaching-Magazin (3/18) in die Finger. Dessen Anliegen, mir „verschiedene Aspekte künstlicher Intelligenz im Coaching“ nahezu bringen, konnte mich ebenfalls nicht überzeugen.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, das ist bekannt, doch sollte man zunächst einmal definieren, was man unter Intelligenz versteht. Das unterlässt der Autor aber geflissentlich. Hätte er etwas tiefer gegraben, hätte er feststellen können, was Intelligenz sein soll, ist selbst in der Psychologie, die den Begriff ja in die Welt gesetzt hat, umstritten. Immerhin hätte er so zu einer differenzierteren Sichtweise gelangen können. Diese Mühen offenbar scheuend erzeugt er bloß den Eindruck, über einen Passepartout, einen Dietrich, zu verfügen, mit dem er alle möglichen Welträtsel zu lösen vermag. Was natürlich nicht gelingen kann und nur peinlich aussieht. So erfährt die Leserschaft, Künstliche Intelligenz

  • denkt vernetzt
  • kann „Gründe erkennen“ und Schlussfolgerungen ziehen
  • „lernt“ und optimiert sich kontinuierlich

Von welchem IQ sprechen wir da gerade? Eventuell von der Größenordnung Bakterium?  „Künstliche Intelligenz [wird] 2026 die Intelligenz eines menschlichen Coachs wohl erreichen“, prophezeit  Benno Grams. Und als Leser fragt man sich unwillkürlich: Für wie (un)intelligent hält er Coaches?

Völlig überzogene Erwartungen

Zeitgleich erscheint im Personalmagazin (9/18) ein Interview mit Dr. Rainer Bischoff, dem Leiter der Kuka-Konzernforschung. Kuka gehört zu den weltweit führenden Automatisierungs- und Robotikspezialisten. Auf die Frage der Interviewerin, Stefanie Hornung, ob Roboter „quasi im Handumdrehen menschliche Tätigkeiten erlernen und viele Jobs ersetzen können“, antwortet Bischoff: „Das kann man nicht so stehen lassen (…) das Gegenteil ist der Fall. Man braucht heute immer noch Spezialisten, die ganze Anlagen planen und Roboter in diese integrieren und in Betrieb nehmen. Ganz zu schweigen von den Prozessexperten, die dem Roboter zeigen, wie sie zu schweißen, zu kleben und zu montieren haben (…) das hat nicht viel mit intelligentem Verhalten zu tun (…). Der Roboter kann nicht denken, hat kein Bewusstsein, hat nicht die Feinfühligkeit des Menschen und keine Kreativität“ (S. 53).

Bischoff deklariert vier Entwicklungsstufen der Automatisierung:

  • starr
  • sensitiv und sicher
  • mobil
  • autonom agierend

und konstatiert: „Wir sind gerade mal bei der zweiten Revolution angekommen, obwohl viele sogenannte Experten und Medienvertreter behaupten, die Herrschaft der Roboter sei nah“ (S. 54).

Ins selbe Horn stößt Thomas Jenewein, Business Development Manager SAP Education Mittel & Osteuropa, in managerSeminare (245): „(…) einen universellen digitalen Coach wird es meiner Meinung nach nicht geben. Dafür benötigt man Empathie und Bauchgefühl“ (S. 75).

Es ist an der Zeit, diese Diskussion seriös zu führen. Ich selbst versuche dies mit der Besprechung einschlägiger Bücher wie „Digitale Medien im Coaching“ und „Online-Coaching“ – oder mit dem Hinweis auf seriöse, konkrete Forschung zum Thema. Daher schließe ich mich der Einschätzung von Dr. Bischoff an, wie haben gerade erst begonnen und es liegt noch eine gehörige Wegstrecke vor uns.

Kontextwechsel – Zeitreise mit den Stummfilmtagen

34. Internationale Stummfilmtage BonnGerade erst habe ich eine Anregung zum Perspektivenwechsel gegeben. Nun folgt eine zum Kontextwechsel. Wie wäre es mit einer Zeitreise? Wie sah die Welt vor 100 Jahren aus? Was können wir daraus für heute lernen? In Bonn laufen wieder die internationalen Stummfilmtage – zum 34. Mal und wie immer anregend.

Neben mir saß eine Mutter mit ihrem jungen Sohn, der schlicht Bauklötze staunte: Ein Film in schwarz-weiß, ohne Ton, statt dessen mit Live-Musik-Begleitung. Keine schnellen Schnitte: Früher erzählte man Geschichten ohne schnörkel- und atemlose Suspense-Dramatik. Man erlaubte sich auch den einen oder anderen Nebenweg im Erzählfluss. Mimik und Gestik wurden betont, weil ja der Ton fehlte. Was faszinierend ist, man sieht Schauplätze, Technik, Moden, Verhaltensweisen, die es heute nicht mehr gibt. Sie werden im Film lebendig und beschäftigen das Publikum, das natürlich parallel mit dem Heute vergleicht.

Das ist lehrreich. Deshalb zeige ich meinen Studierenden gerne solche Filmausschnitte in meinen Veranstaltungen. Bspw. jenen berühmten Ausschnitt aus Charly Chaplins „Modern Times“ (1936), jene geniale frühe Karikatur des Taylorismus: Chaplin am Fließband. Um dann selbstverständlich einige Fragen hinterher zu schieben: Gibt es solche Arbeitsprozesse heute in Ihrem Arbeitsalltag auch noch? Wo sind die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten? Was hat sich verändert in 100 Jahren – gesellschaftlich, technologisch, beim Bildungsstand der Mitarbeiter, im Bereich Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung, bei der Mitarbeiterführung?

Es dauert in der Regel nur wenige Minuten, bis wir dann bei aktuellen Fragestellungen sind und feststellen, das die vermeintlich ollen Kamellen brennend aktuell sind. Denn die alten Fragen stellen sich angesichts der Digitalisierung mit neuer Schärfe … In meinem Buch führe ich die systemischen Grundlagen (Perspektiven- und Kontextwechsel) für Interessierte weiter aus.

Perspektivenwechsel – mit M.C. Escher

Wenn ich nach den Grundlagen systemischen Denkens gefragt werde, verweise ich u.a. auf die Stichworte Kontext- & Perspektivenwechsel. Das klingt vielleicht für den einen oder die andere zunächst sperrig und erklärungsbedürftig, daher suche ich immer wieder anschauliche Beispiele. Beim Thema Perspektivenwechsel geht kein Weg am Künstler M.C. Escher vorbei. Wer kennt seine Zeichnungen nicht? Sie eignen sich auch ganz hervorragend als visuelle Inputs in Coaching-Prozessen.

Nachdem ich in 2016 die große Escher-Ausstellung in heimischen Brühl (Max Ernst Museum) gesehen hatte, war nun der Kontextwechsel an der Reihe. Auf unserer Radtour rund ums Ijsselmeer haben wir auch einen Abstecher nach Leeuwarden gemacht, der europäischen Kulturhauptstadt 2018. Das Fries Museum zeigt den Meister in einer großen Ausstellung – achtzig Originalgrafiken, etwa zwanzig Zeichnungen und verschiedene Fotos und Gegenstände – bis zum 28. Oktober.

Leeuwarden – europäische Kulturhauptstadt

Der Besuch in Leeuwarden lohnt sich, weil dort noch viel mehr auf die Besucher wartet. So auch das Straßentheater-Ensemble Royal de Luxe mit The Giants (17.-19. August). Oder das faszinierende multimediale Projekt rund um Sprache: Lân fan taal (Land der Sprache). Neben der Escher-Ausstellung also weiteres exzellentes Brain-Food für Coaches – und Führungskräfte, die Anregungen zur Erweiterung des Horizonts suchen. Wen die theoretische Fundierung der systemischen Grundlagen interessiert, findet dazu in meinem Buch weitere Informationen.

Webinar: Was ist eigentlich „systemisch“?

Viele beklagen, systemisch sei inzwischen zu einer inhaltsleeren Modevokabel verkommen. Ich habe mich daher sehr gefreut, dass Johannes Thönneßen mich als Experten für ein Webinar angefragt hat. Wir beide kennen uns vermutlich schon 20 Jahre, aber das Thema hatten wir bislang in der Tiefe gemeinsam auch noch nicht durchwandert.

Ende Juni war es dann soweit. In der Reihe „MWonline im Dialog mit …“ (Teil 4) unterhalten wir uns live und vor Auditorium. Der Mitschnitt (48:34 Min.) ist nun als Video online. Leider sind die Lautstärken nicht optimal: er zu laut, ich zu leise. – Es hat Spaß gemacht!

Die Fragen:

  • Alles ist heutzutage „systemisch“. Wird der Begriff „missbraucht“?
  • Wie würdest du einem Laien in wenigen Sätzen den Gegenstand der System-Theorie erklären?
  • Welchen Nutzen stiftet die Systemtheorie für Berater und Coaches? Woran erkenne ich, ob jemand sich nicht nur „systemisch“ nennt, sondern auch so arbeitet?
  • Wie würdest du einem Klienten das Vorgehen des systemischen Beraters darstellen?
  • Welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen systemischen Coaching und lösungsorientierten Coaching?

Forschungskongress: Coaching meets Research

Das waren wieder anregende Kongresstage im Juni auf dem 5. Internationalen Forschungskongress „Coaching meets Research“ an der FHNW in Olten (Schweiz). Wie vor zwei Jahren  waren Organisation und Moderation perfekt. Die Mischung an Formaten und Themen ließ keine Langweile aufkommen. Als Biennale der Coaching-Szene bietet die Veranstaltung die Möglichkeit zum Austausch, zum Netzwerken und zum Blick über den Tellerrand.Forschungskongress Coaching meets Research 2018 in Olten (Schweiz)

Die Themen „Organisation, Digitalisierung und Design“ standen auf dem Kongress im Vordergrund. Und damit vor allem die Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt sowie die daraus resultierenden Herausforderungen an Coaching und die Coaches. Eine bemerkenswerte Stimme aus der abschließenden Podiumsdiskussion: ZHAW-Forscher Professor Hansjörg Künzli warnte, jeden Tag würden neue Beratungsangebote von Selbsthilfegruppen im Internet aufgemacht, in der Psychotherapie sei „online“ lange schon angekommen, die Wirksamkeit sei mit der „Offline“-Form definitiv vergleichbar, deshalb dürften etablierte Coaches den neuen Herausforderungen nicht vornehm aus dem Weg gehen. – Ganz meine Meinung!

Der wissenschaftliche Fortschritt, das zeigte sich, bewegt sich inzwischen in gutem, breitem Fahrwasser. Die Diskussions- und Kooperationskultur funktioniert. Keine Frage, dass ich in 2020 wieder dabei sein will.

Hier mein ausführlicher Bericht für Coaching-Report.