Wo Coaching zu Hause ist

Dass ein solches Buch über die Räume, in denen Coaches arbeiten, erscheint, zeigt wie hoch die Profession das Thema Reflexion hängt. Hier bündelt und bricht sich das Thema Coaching basal: Coaching-Räume und ihre Gestaltung betrifft Coaches – aber auch deren Klienten. Sie werden zur Bühne, zur Lounge, zum Refugium.

Beratungsräume und ihre Gestaltung

Martens-Schmid (2016). Wo Coaching zu Hause ist. Beratungsräume und ihre Gestaltung im kulturell-gesellschaftlichen Kontext mit Fotografien von Olaf Pascheit, Wiesbaden: Springer: FachmedienWer eine Ahnung davon bekommen möchte, worin die Arbeit von Coaches besteht, folgt der Autorin und ihrem Fotografen durch diese Räume. Sie stellt das Dialogische heraus und führt diesen Dialog zugleich. Ein schönes Buch! Ich habe es gerne gelesen und es daher auch lobend aktuell im Coaching-Magazin rezensiert. Download: »» Beitrag im CM 4/17

Gesundheitsmanagement und Führung

Die Umsetzung von Betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) hakt im Unternehmen an den Führungskräften. Das zeigen immer wieder Umfragen wie die großangelegte Studie #whatsnext – Gesund arbeiten in der digitalen Arbeitswelt. Danach gibt es in jedem elften Unternehmen überhaupt keine Gesundheitsförderungsmaßnahmen. In ungefähr 30 Prozent der Betriebe werden vereinzelte Angebote (Ergonomie und Entspannung) gemacht. Nur 37 Prozent der Befragten berichten, in ihrer Organisation existiere ein ganzheitliches BGM.

Ein Ratgeber auf solider Basis

Karin Struhs-Wehr (2017). Betriebliches Gesundheitsmanagement und Führung. Gesundheitsorientierte Führung als Erfolgsfaktor im BGM, Wiesbaden: Springer Fachmedien..Hier kommt das Buch von Karin Struhs-Wehr wie gerufen. Es führt auf hohem wissenschaftlichen Niveau und doch auch für Laien verständlich in die Grundlagen von Gesundheitsförderung und -management ein. Führungskräfte erleben sich oft zwischen diversen Stühlen und Anforderungen, sozusagen in der Sandwich-Position. Das zeigt sich auch bei Thema gesundheitsorientierter Führung. Aber wegsehen, nichts tun oder hoffen, dass sich Probleme von alleine lösen, können keine Alternativen sein. Das macht die Autorin, übrigens studierte Psychologin, die als Coach, aber auch als Psychotherapeutin arbeitet, mehr als deutlich. – Und sie lässt ihre Leser dabei nicht im Regen stehen. Fallbeispiele und Umsetzungshilfen wie Gesprächsleitfäden sowie Checklisten reichern das Hintergrundwissen an und führen zu Handlungsempfehlungen.

Die Führungskraft hält mit diesem Buch einen wertvollen, praxisorientierten Ratgeber in der Hand, mit der sie innerhalb kurzer Zeit beginnen kann, die Gesundheit im Unternehmen maßgeblich zu verbessern. Meine ausführliche Rezension findet sich bei managementwissenonline.de.

Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf

Zuletzt habe ich über meinen Besuch der Documenta 14 berichtet. Nun war ich, nach zweimaligem Aussetzen, wieder in Venedig auf der Biennale: Was für ein Unterschied! Nicht nur von den Örtlichkeiten her, sondern auch inhaltlich. Hatte ich die Documenta als „Weltfestspiele der Kunst“ bezeichnet, so nehme ich das für diese Ausgabe definitiv zurück. Im Nachhinein erscheint sie im Gesamten eher provinziell. Mit ihrem penetranten, platten Antikapitalismus und ihrer Attitüde des politisch Korrekten, war vieles, was ich in Kassel gesehen habe – abgesehen von Ausnahmen – einfach kleinkariert. In Venedig war alles anders. Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf.

Humanismus – eine positive Botschaft

Es beginnt schon mit dem Motto: Humanismus – eine positive Botschaft. Da traf es sich ganz wunderbar, dass ich letztens in Rotterdam auf den Stadtpatron Erasmus aufmerksam wurde und mir sogleich eines seiner Schlüsselwerke besorgt hatte: Lob der Torheit. Was für ein wunderschönes Stück Literatur hat der Zeitgenosse von Martin Luther und Thomas Moore da geschaffen (1509). Das Meiste, was ich dort lesen konnte, hat heute noch Geltung. Eine anregende Lektüre auch für Coaches, nimmt doch der Meister dort der Reihe nach die Berufsstände auseinander, dass es nur so eine Freude ist. Getreu dem alten biblischen Motto (Prediger Salomos): alles eitel …

Jana Zelibska - Swan Song Now, Biennale Venedig 2017Zurück nach Venedig. Was sich bewährt hat, haben wir auch dieses Jahr gemacht: Ein Tag in die Gardini, ein weiterer in den Arsenale und am dritten haben wir uns gezielt „umliegende Ortschaften“ vorgenommen. Schon die ersten Pavillons haben uns überzeugt: Russland, Tschechoslowakei, Japan, Deutschland – wenn das Ensemble auch gerade seinen freien Tag hatte (einen Eindruck der Performance erhält man mit diesem Video). Wunderschön meditativ ist bspw. die Installation der Tschechin Jana Želibská: Swan Song Now. Vor einer monumentalen Projektion des Meeres mit seinen Wellenbewegungen und dem Geräusch der Brandung hat die Künstlerin etliche künstliche Schwäne auf Inseln positioniert und illuminiert. An der Seite gibt es ein Video eines Mädchens, oder ist es eine junge Frau? Der Schwan als heiliges Tier symbolisiert die innere Klarheit, aber auch den Wandel. Eine Oase in einer Welt, die den Kontakt zum Humanen oft verliert.

Conditio Humana

Evan Penny - Marsia, Chiesa di San Samuele, Biennale Venedig

Dann durfte natürlich die Bezugnahme auf den Gekreuzigten in dieser Biennale nicht fehlen. Einerseits liefern Roberto Cuoghi, Adelita Husni-Bey und Giorgio Andreotta Calò mit ihrem Il Mondo Magico (The Magic World) im italienischen Pavillon ein Beispiel für die kritische Auseinandersetzung mit der Conditio Humana. Ihre Fabrik spielte einerseits auf die Massenproduktion und Verwertbarkeit ab, ließ andererseits aber auch Anklänge an Frankenstein durchscheinen – der Mensch, letztlich unerlöst? Dazu passten hervorragend die Arbeiten von Evan Penny, die wir in der Chiesa di San Samuele unter dem Motto Ask Your Body fanden. Seine Figuren erinnern in ihrer Elongation an Giacometti, sind aber überdimensioniert naturgetreu mit Silikon modelliert, selbst mit Körperhaaren ausgestattet. Wieder die Frage nach der Conditio Humana, die eben auch viele Coaching-Kunden umtreibt: Wofür rackere ich eigentlich den ganzen Tag? Und was hat am Ende des Tages Bestand? Ich denke, dass die Betrachtung solcher Kunst emotionale und existenzielle Tiefenschichten ansprechen kann und im Dialog zu neuen Einsichten und Klärungen führen kann.

Bù xī – ein Kontinuum

Tang Nannan - marrow return, Biennale Venedig 2017Als eine echte Überraschung entpuppte sich für mich aber der chinesische Pavillon! Die chinesische Kultur ist Jahrtausende alt und zeichnet sich durch einige spektakuläre Kunstgattungen aus. Das Schattenspiel und Scherenschnitt, die Kalligrafie, die Malerei und Stickerei und andere. Zudem gibt es einige Schlüsselerzählungen, die mir nicht ganz unbekannt sind – 20 Jahre Tai Chi Yuan hinterlassen so ihre Spuren. Eine davon ist die Geschichte vom mystischen Vogel Jingwei (Nuwa), der die See im Osten mit Geröll auffüllen wollte. Oder die des verrückten alten Manns, der mit seiner Familie über Generationen hinweg einen Berg abtragen wollte. Die Künstler des chinesischen Pavillons verknüpfen diese Sujets mit berühmte Malereien der Song-Dynastie (12. Jh.), Skeleton Fantasy Show von Li Song und Twelve Images of Water Surging von Ma Yuan. Daraus ergibt sich anregende Conceptional Art, die ihrem Motto Generation by Generation – A Theatre of Collaboration eindrucksvoll gerecht wird. Die modernen Künstler nutzen natürlich Video und andere modernen Mittel. Besonders gefallen hat mir die Arbeit von Tang Nannan Marrow Return. In dieser unspektakulären Videoprojektion, an der vermutlich der eine oder die andere achtlos vorbei gegangen sind, klingen die Brandungsbilder und der mystische Vogel, der in die Tiefe der See blickt, wieder an. Absolut beeindruckend.

Drei Tage Venedig können anstrengend sein, aber die Anregungen lohnen sich allemal.

E-Coaching

Das Thema Digitalisierung steht definitiv an: Jetzt hat auch der DBVC seinen nächsten Kongress 2018 unter das Motto Business Coaching – The Next Level gestellt. Da drängt sich selbstverständlich die Frage auf: Was heißt das fürs Coaching? Ist E-Coaching das nächste Level?

Ich bin da noch nicht ganz von überzeugt. Die große Mehrheit der Coaches äußern sich ja derzeit noch recht zurückhaltend, wie ich schon kommentiert habe. Aber keine Frage, das Thema kommt … Und so war ich natürlich sehr gespannt, was Dorothea C. Adler und Dr. Astrid Carolus in ihrem aktuellen Beitrag E-Coaching. Neuland, das es sich zu betreten lohnt? im Coaching-Magazin zu sagen haben würden. Ihre Studie legt besonderes Augenmerk  auf alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede im Mediennutzungsverhalten.

Es gibt nicht Gutes, außer man tut es!

Der weitverbreiteten Ansicht, dass medial vermittelte Kommunikation immer defizitär sei, widersprechen sie. Das hat mich gefreut zu lesen. So lautet ja auch der aktuelle medienpsychologische Stand der Forschung. Ebenso erfreulich waren für mich die Ergebnisse, dass alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede erwartungswidrig keine Rolle spielen. Was nun? Ich denke, das ist zunächst positiv. Die Bereitschaft ist da, jetzt brauchen wir einfach noch mehr Erfahrung. Es gibt nicht Gutes, außer man tut es!

Und noch eines, denke ich, wäre hilfreich: Nämlich von der instrumentalistische Denke weg zu kommen: Coaching mit neuen Medien. Vielleicht wäre es anregender zu formulieren: Coaching in neuen Medien.

Die systemische Haltung

Manche Coachs antworten auf die Frage, was ihre systemische Ausrichtung charakterisiere, dies würde sich in ihrer Haltung zeigen. Das mag vielleicht stimmig sein, ersetzt aber für den neugierigen Kunden bloß ein Wort durch ein anderes, wenn es nicht entsprechend kundig ausgeführt wird.  Was also kennzeichnet eine systemische Haltung?

In der Literatur findet man häufig edle Attribute aufgezählt:

  • die Autonomie des Kunden wahrend
  • Respekt zeigend
  • empathisch sein
  • authentisch sein
  • auf jeden Fall die gemeinsame Augenhöhe einhaltend
  • und ggf. noch Weiteres

Erst in konkreten Situationen zeigt sich Haltung

Erpenbeck (2017) Wirksam werden im KontaktDas mag richtig sein, bleibt aber oft blutleer, weil es zunächst bloß ein Versprechen ist. Da Coaching eine Dienstleistung ist, man also im Vorhinein niemals sicher sein kann, was man in der konkreten Situation bekommt, ist man erst im Nachhinein schlauer. Und manchmal leider auch enttäuscht – wie ich schon einmal an einem Beispiel dargelegt habe.

Mechthild Erpenbeck hat ein Buch zur systemischen Haltung veröffentlicht, das nun genau dieses Versprechen im Vorhinein für Klienten offenbar macht, indem sie es an konkreten Beispielen transparent macht: Wirksam werden im Kontakt. Es ist ein schönes Lesebuch, das ihre Coaching-Praxis lebendig ausleuchtet und ihre professionelle Haltung verständlich und nachvollziehbar werden lässt. Ich habe es gerne gelesen und es daher auch lobend aktuell im Coaching-Magazin rezensiert. Download: »» Beitrag in CM 3/17

Systemische Psychologie – eine Rezension

Manchmal frage ich mich: Wer wohl die Grundlagenwerke systemischen Denkens tatsächlich gelesen haben mag? „Ökologie des Geistes“ von Gregory Bateson, „Der Baum der Erkenntnis“ von Maturana & Varela, „Soziale Systeme“ von Niklas Luhmann, „KybernEthik“ von Heinz von Foerster …

Dann packe ich mich an die eigene Nase und muss bekennen, alle habe ich auch noch nicht gelesen 😉 Aber doch so einige – und es war oft mit einiger Arbeit verbunden. Immer war es allerdings die Mühe wert und hat mein Verständnis erweitert.

Grundlagenwerk systemischen Denkens

So auch dieses Mal: Diese Lektüre war überfällig. Und auch hier wartete ein ordentliches Stück Arbeit auf mich. Was Guido Strunk und Günter Schiepek da zusammen getragen haben, ist schon eine stolze Leistung: Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme. Ich habe einmal eine Rezension gewagt.

Übrigens hat Arist von Schlippe vor einigen Monaten (2015) schon drei Richtungen systemischer Theoriebildung unterschieden, was vielleicht der Orientierung dienlich ist:

  • die Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme (Strunk & Schiepek; Kriz)
  • die Theorie sozialer Systeme (Maturana & Varela; Luhmann) sowie
  • narrative Theorien und sozialer Konstruktionismus (Gergen; White; Stelter).

Insofern schließt sich hier für mich der Kreis – oder ist es ein Grenzzyklus, ein Torus*) gar …?

*) Die Bahn des Mondes – um die Erde und zugleich um die Sonne – lässt sich als Torus beschreiben.

Ist Positive Psychologie negativ?

Das Editorial der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (3/17) von Claudia Harzer und Heidi Möller finde ich eher verwirrend als klärend. Claudia Harzer bemüht sich, Positive Psychologie nicht gegen die Negative Psychologie (den Rest) auszuspielen. „So ist das Label ‚Positive Psychologie‘ nicht gemeint. Es soll betonen, dass die Perspektive bewusst nicht defizitorientiert ist“ (S. 247).

Man kann es sich auch schwerer machen als es ist, finde ich! Indem man sich wie – Claudia Harzer –an einer doppelten Verneinung verrenkt. Selbstverständlich ist positive Psychologie eine politische Kategorie! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der mit dem Namen Seligman reflexhaft und ausschließlich das Konzept der erlernten Hilflosigkeit assoziiert wurde. Die Mainstream-Psychologie war über viele Jahrzehnte in großen Teilen tatsächlich defizitorientiert. Man erinnere sich nur einmal an die Kampagne zur Humanisierung der Arbeitswelt (ab 1974 bis in die späten 80er-Jahre). Aber nicht nur im Bereich der Arbeits- & Organisationspsychologie war das so. Der Therapieboom seit den 1960er-Jahren und sein enormer Widerhall in der Psychologie hatte – ich übertreibe einmal etwas – die Heilung des Individuums von seinen psychopathologischen Krankheiten zum Ziel; und manchmal schwappte das sogar weit ins Religiöse über.

Positive Psychologie als Paradigmenwechsel

Der Wandel, den Seligman und andere dann in den späten 1990er-Jahren vollzogen, ist insoweit definitiv paradigmatisch: Michael Tomoff fasst das in seinem lesenswerten Essential so zusammen: „All die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Psychologie zwei ihrer drei Missionen vernachlässigt. Während sie den Fokus auf

  1. die Heilung mentaler Krankheiten gelegt hatte, hatte sie sowohl verpasst,
  2. andere Menschen zu einem erfolgreicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen als auch
  3. ihre großen Talente und Begabungen zu identifizieren und zu fördern“ (Tomoff, 2015; S. 4).

Ein weiteres Beispiel mag dies ebenfalls unterstreichen: Wilmar Schaufeli erläutert im Interview mit mir, wie er den U-Turn vom Burnout-Forscher (und engem Kollegen von Christina Maslach) zum Work-Engagements-Forscher vollzog. Es beißt da keine Maus einen Faden ab: Bei der „Positiven Psychologie“ handelt es sich um einen klassischen, überfälligen Paradigmenwechsel der Psychologie! Dieser hat uns u.a. die Gesundheitspsychologie beschert, die heutzutage niemand mehr missen möchte, und zwar ohne die Klinische Psychologie abzuschaffen.

Handzahm und defensiv – muss das sein?

Nun hätten die beiden Kolleginnen das Editorial nutzen können, um den negativen Spuren in Organisationsberatung, Supervison und Coaching nachzuforschen. Von denen scheint es doch so einige zu geben, wie bspw. dieser noch recht frische Beitrag von Frank Schmelzer und Jana Löffler in besagter Zeitschrift OSC (3/16). So hätte man selbstkritisch über die eigene politische Voreinstellung reflektieren und über ein mehr oder weniger offensichtliches, teilweise verbrämtes Helfersyndrom diskutieren können. Hätte man – es findet aber nicht statt.

Warum so zahm? Fürchtet frau den Vorwurf der Nestbeschmutzung? Was weiter verwundert, ist, dass Editorin Claudia Harzer so defensiv gegenüber ihrer Mit-Editorin Heidi Möller argumentiert, die – wie man sie kennt – gerne auch mit grobem Klotz und Keil hantiert und hier nichts anderes als die alten „negativ-psychologischen“ Vorurteile auftischt: „Freud sprach davon, durch die analytische Kur neurotisches Elend in allgemeines Leid zu wandeln“ (S. 248). Was für eine Vorlage! Doch Claudia Harzer macht nichts draus, verteidigt positive Psychologie stattdessen: Positive Psychologie sei nicht als „Happiology“ (Immer nur lächeln; Lehár) misszuverstehen. Schwache Argumentation! Haben nicht vor Kurzem erst Gerhard Roth & Alica Ryba in ihrem Buch die Psychoanalyse nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert? Heidi Möller lehnt sich trotzdem weit aus dem Fenster … Immer nur lächeln – oder Pfeifen im Walde?

Ich bin schon gespannt auf die restlichen Beiträge dieser OSC-Ausgabe.

Organisationscoaching: Permanenter Schwebezustand

Coaching zwischen Person und Organisation: Hier kommt ein weiterer Beitrag zum DBVC-Thema Organisationsbezüge im Coaching. Hierzu hatte ich vor kurzem ja einige kritische Anmerkungen formuliert. Insbesondere finde ich die Metapher vom Coach als Zehnkämpfer (Schmid) wenig gelungen, weil (arrogant) missverständlich. Zudem habe ich angemerkt, dass das Thema  Brückenschlag zwischen Individuum und Organisation überhaupt nicht neu ist. Aber mit dieser Veröffentlichung von Eberhard Hauser und Dr. Wolfgang Looss in der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell (2/17),  kommen jetzt noch einige neue Aspekte ins Spiel.

Zunächst muss hervorgehoben werden, dass diese Veröffentlichung deutlich reflektierter erscheint als das DBVC-Papier. Das muss nicht überraschen, denn beide Autoren sind ja nun wirklich alte Haudegen und Experten im Feld – ich erinnere gerne an meine Interviews mit Hauser und Looss 😉 Und man weiß ja nicht, wie der Redaktionsprozess dieses DBVC-Papiers verlaufen ist (ich war da nicht involviert).

Balance zwischen Transparenz und Diskretion

„Coaching operiert von jeher sehr bewusst im Zwischenraum zwischen individueller und organisatorischer Perspektive mit all ihren Wechselwirkungen“ (S. 32), konstatieren die beiden Autoren. Was diverse Dilemmata erzeugen mag: So muss der Coach bspw. die Balance zwischen Transparenz und Diskretion halten. Das kann schwierig werden. Doch zu dem Thema gibt es auch schon reichlich fachliche Hintergrundlektüre. So haben früh sowohl Schmid & Hipp (2003) als auch Limpächer & Limpächer (2003) das Thema Dreieckskontrakt ins Spiel gebracht: Auftraggeber, Klient und Coach sollten sich zur professionellen Auftragsklärung zusammensetzen.

Der Erdinger Coaching-Kongress 2015 hatte das Thema dann umfassend und breit im Visier. Und in seinem Beitrag für die Zeitschrift wirtschaft+weiterbildung (2/15) zeigte Dr. Walter Schwertl, dass man nicht im Dilemma verharren muss, sondern dass die Lösung auf der Metaebene liegen kann: Ziel des Coachings muss immer das Wohl und die Weiterentwicklung der gesamten Organisation sein. Dann werden partielle Interessenslagen erkannt, besprechbar gemacht und relativierbar.

Damit erweitert sich der Fokus erneut: Wenn der Coach als Anwalt der gesamten Organisation unterwegs ist, reitet er den sprichwörtlichen Tiger: Denn alle Stakeholder haben ihre eigenen Interessen und wollen die auch an den Mann (die Frau oder die/den Coach) bringen. Früher nannte man die hieraus entstehende Anforderung an den Coach Neutralität. Dann sah man ein, dass Coaches auch nur Menschen sind und nannte es Allparteilichkeit. Doch auch das wird inzwischen von in der Stakeholderanalyse versierten Kollegen als verharmlosend kritisiert. Ich erinnere mich, wie ich seinerzeit als Chefredakteur des Coaching-Magazins mit Hüseyin Özdemir um das Thema Organisationscoaching gerungen habe: Ob das denn überhaupt gehen kann und wenn ja wie?

Der Coach als Anwalt der gesamten Organisation

Meine Überzeugung ist, der Beitrag aus dem Jahr 2008 ist immer noch lesenswert. Interessanterweise nahm Professor Bernhard Hauser (HAM) den Faden auf dem Erdinger Coaching-Kongress 2016 wieder auf (worauf sich dann für mich ein anregendes Gespräch mit ihm entsponn). Eberhard Hauser und Dr. Wolfgang Looss greifen nun aktuell diesen Aspekt auf: „Vor Jahren haben wir unserem jungen Nachwuchs noch vermittelt, dass man es tunlichst vermeiden sollte, mehrere Rollen in einem Veränderungsprojekt einzunehmen“ (…) „Handwerklich ist das für professionell junge Kollegen sicher immer noch vernünftig. Gleichzeitig geht es allerdings auch darum, mit zunehmender Erfahrung die Schutzmauer der Diskretion nicht mehr pauschal  als organisatorische Regelung (‚Schweigepflicht‘) zu etablieren, sondern gewissermaßen in die Person des Coaches zu verlagern. Die Beratungsperson muss dann wirksam und glaubwürdig vermitteln, dass sie in mehreren organisatorischen Kontexten operieren kann, ohne irgendeinen ‚Verrat‘ zu begehen“ (S. 38).

Nun muss man wissen, dass Bernhard und Eberhard Hauser Brüder sind. Aber auch die anderen am DBVC-Papier beteiligten Protagonisten kennen sich und tauschen sich regelmäßig aus. Wie kann es also sein, dass aus soviel Kompetenz und Know-how ein so mittelmäßiges Papier erwachsen ist? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Festzuhalten gilt allerdings,

  • das Thema ist alles andere als neu
  • die Anforderungen an den Coach für solcherlei Aufträge sind hoch
  • ob allerdings Organisationen den Mehrwert eines solchen Coachings erkennen und honorieren wollen, da bin ich mir (leider) weniger sicher
  • im Gegenteil befürchte ich, weil das Maschinenmodell mit seiner Rädchen-im-Getriebe-Logik sich weiterhin größter Beliebtheit erfreut, dass Unternehmen  das 1:1-Coaching präferieren werden: Nicht das System ist problematisch. Der Einzelne hat ein Problem. Und wenn sich das nicht abstellen lässt, ist der Einzelne ein Problem (wie damals bei den alten Israeliten: der Sündenbock bekam alle Sünden aufgeladen und wurde dann in die Wüste gejagt)
  • es sei denn, man hat einen mächtigen Entscheider im Unternehmen auf seiner Seite, der einem den Rücken frei hält, der systemisch denkt und führt. Dann können Unternehmen (und auch Coaches) Sternstunden der Koproduktion erleben

Die eine Frage

Somit läuft die Sache auf die eine Frage hinaus: In welchen Unternehmen gibt es die Sorte an intelligenten und weisen Entscheidungsträgern, die nachhaltige, systemische Lösungen statt individualisierter Bauernopfer wollen?

Womit wir nun zum Schluss auch wieder bei der Headline anknüpfen können: Permanenter Schwebezustand (ich mag diesen psychoanalytischen Ausdruck ja eigentlich nicht so sehr) – wo sind die Baustellen, wo man wirklich etwas verändern will – und Coach dann auch darf? Wird man nur in die geostationäre Umlaufbahn gelassen? Soll man Pflaster kleben? Oder möchte eine Organisation den Coach wirklich als Ressource nutzen?

Ich mag ja diese Art von Herausforderung. Da blühe ich auf! Alles andere ist business as usual. Kann ich auch – ist aber auf die Dauer langweilig 😉

Kunst und Coaching

Seit 1987 besuche ich die „Weltfestspiele der Kunst“: die Documenta in Kassel. So auch dieses Jahr. Kunst ist eine exzellente Möglichkeit, die Perspektive und den Kontext zu wechseln, sich exzentrisch anregen und infrage stellen zu lassen, sich auseinanderzusetzen. Darum geht es ja auch im Coaching. Deshalb kann ich mir – neben kollegialer Supervision und Fachkongressen (wie Coaching meets Research) – wenig anderes als Kunst zur Inspiration vorstellen – abgesehen von den ebenfalls obligatorischen Besuchen von Musikkonzerten, Kino, Theater …

Was nehme ich mit von der DOCUMENTA 14? Insgesamt erstaunlich wenig, wenn ich das mit der d13 vor fünf Jahren vergleiche. Die Pavillons in der Karlsaue seinerzeit waren ein extrem gelungenes Arrangement. In diesem Jahr fand sich dort nur wenig. Dafür gab es aber auch faszinierende neue Orte wie die Neue neue Galerie (neue Hauptpost).

Documenta 14: Meine Highlights

Für mich gehörten zu den wichtigsten Exponaten die vorübergehend neue Inschrift auf dem Portikus des Fridericianums: beingsafeisscary. Banu Cennetoglu (2017). beingsafeisscaryEs ist der Beitrag der 1970 in Ankara geborenen Künstlerin Banu Cennetoğlu. Das ist nicht nur ein Weckruf zum aktuellen Zeitgeschehen, sondern fokussiert für mich auch wunderbar die Situation in vielen Coaching-Situationen.

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich The Parthenon of Books der 1941 in Buenos Aires geborenen Künstlerin Marta Minujin. In dieser beeindruckenden, maßstabsgetreuen Nachbildung des griechischen Parthenons werden Bücher, die irgendwo auf der Welt verboten werden, präsentiert. Was bei Cennetoğlu schon anklingen mag, präzisiert Minujin: Heute stehen Grundverständnis und Werte unseres Zusammenlebens wieder radikal zur Disposition. Auch das ist oft der Kern vieler Coachings: Was sind meine Werte, was sind die des Unternehmens? Und wie kann ich in widersprüchlichen Situationen erfolgreich navigieren? Das Unbehagen, Unbehagliche, Unwirtliche, Vorläufige wird beispielsweise im Betonröhren-Haus von Hiwa K. (geb. 1975 in Irak) umgesetzt: When We Where Exhaling Images.

Hiwa K. (2017). When We Where Exhaling Images. Documenta 14, KasselEs sind das Dystopische und das Wiederauftauchen von verdrängten historischen Ereignissen, die die diesjährige Documenta prägen. Teilweise erfolgt das in inflationär weltverbesserischen Tiraden und didaktischen Belehrungen, die ich weniger mochte.

Das ist im Coaching anders: Dort vermeiden wir, wenn es nur irgend geht, den erhobenen Zeigefinger.

Change-Management und Digitalisierung

Das war keine leichte Aufgabe für meine Studierenden an der Hochschule Fresenius in Köln. Aber Menschen wachsen ja bekanntlich an Herausforderungen. Im Bachelor-Schwerpunkt-Kurs Angewandte Organisationspsychologie stand das Thema Digitalisierung im Fokus. Die Studierenden sollten ein Change-Design entwickeln. Dazu bekamen sie eine Fallstudie vom Beratungsunternehmen future|works präsentiert. Die Lösung für das  Unternehmen sollte in Gruppenarbeit entwickelt werden.

Digitalisierung: Lernen durch eine Fallstudie

Es war absolut spannend zu beobachten, wie sich die Studierenden – wie schon im vergangenem Semester – wieder ans Werk machten: Mit allen Irrungen und Wirrungen, aber auch mit Ehrgeiz, Köpfchen und Mut zur Tat. Wir Berater haben deren Vorgehen reflektiert und mit weiterem Input voran getrieben. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht und etliche Erkenntnisse produziert, die man nicht im Lehrbuch findet.