Wie Digitalisierung den Coaching-Markt verändert

Wenn Digitalisierung und Coaching in einem Satz zusammen treffen, denken viele zunächst an coachende Roboter, die den Profi ersetzen sollen. Das ist aber nur ein Aspekt unter anderen. Dr. Thomas Bachmann und Dr. Beate Fietze beschreiben in ihrem lesenwerten aktuellen OSC-Beitrag weitere Konsequenzen. So verändert die Digitalisierung (u.a.) auch den Coaching-Markt.

Was da auf die Branche zukommt, konnte man erahnen, als Xing plötzlich Xing-Coaches gründete: Statt der bislang angenommen 8.000 Coaching-Profis waren nun plötzlich  138.000 im Markt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Beispielsweise, dass eventuell gar mancher, der nicht „bei drei auf den Bäumen war“, kurzerhand zum Coach „befördert“ wurde. Oder dass sich unter der Masse wohl auch Studenten, Hobbypsychologen oder schräge Zeitgenossen befinden könnten.

Xing betrachtet seine riesige Datenbank als Telefonbuch, das es zu vermarkten gilt. Hier kommt der Akteur nicht von der fachlichen, sondern von der (markt-)technischen Seite. Der Techniker digitalisiert alles, was sich digitalisieren lässt, ob es sinnvoll ist oder nicht, wenn es sich verkaufen lässt. Neben Xing gibt es inwischen etliche weitere Broker auf dem Markt, die sich zwischen Anbieter und Nachfrager schieben: bettercoach.de, coachfox.com, coachimo.de oder coach.me. Jüngst erst ist die Haufe-Gruppe bei klaiton.com eingestiegen.

Coaching wird zum Produkt degradiert

Und dafür gibt es Gründe. Beide Marktseiten haben das Problem, zueinander zu finden. Denn Coaching ist eine Dienstleistung, kein Produkt. Coaching ist ein Vertrauens- und Erfahrungsgut. Darauf hat u.a. Peter-Paul Gross hingewiesen, dem wir die Marburger Coachingmarkt-Studie verdanken. Die klassischen Mitgliederverzeichnisse, die die Verbände online anbieten, sind unzureichend. Die Schwierigkeiten und die Unsicherheit eines Machtings, suggerieren die neuen Plattformen, sollen – beiden Seiten – genommen werden. Durch einen Algorithmus.

Wenn dieses Wort fällt, klingt das für mich verdächtig nach Voodoo, nach gewaltigen Versprechungen. Auf dem Markt der Personalauswahl findet dieses Black-Box-Modell immer wieder Zulauf: Weil es Personalern an Wissen fehlt und sie deshalb überfordert sind. Die DIN 33430, die es besser weiß, kann man sich dann sparen. In die Black-Box will man gar nicht rein schauen, man macht lieber die Nummer mit den Fähnchen.

So also auch beim Thema Coaching, das so zum Produkt degradiert wird. Nach dem Motto: „Ich war gerade beim Friseur. Gefällt Dir meine Frisur? Willst Du sie mal tragen? Hier, probiere sie doch mal an!“ Oder der Personaler zum Coach: „Müller tut’s nicht mehr. Können Sie den mal reparieren? Wann kann ich ihn wieder abholen?“ Coaching als Produkt.

Dienstleistungen sind  jedoch Koproduktionen, die Leistung des Coachs kann man nicht isolieren. Aber genau solches wird hier suggeriert: Modell „Autowerkstatt“, Herr Müller bekommt eine neue Lichtmaschine und einen Motivationsölwechsel.

Coaching-Markt: From hunting to farming

Ob die Makler wissen, was sie da maggeln und nach welchen Kriterien? Wer weiß? Aber sie beackern einen Markt, sie sammeln sich da eine prächtige Herde zusammen, all das soll Ertrag bringen, sonst würde man es nicht machen. Dabei handeln die Makler mit nicht unerheblichen Datenmengen über Coaches, über Mitarbeiter, über Unternehmen. Da könnten einen gelegentlich Zweifel plagen: Ob das sicher ist/bleibt? Wo gehen die Daten hin? Was kann man noch damit anstellen jenseits der primären Nutzung? Und sind die Daten echt oder fake? Was bedeutet eine schlechte Bewertung des Coachs durch den Klienten? Das dieser schlecht ist? Oder dass sich ein Klient dafür rächen wollte, dass der Coach ihn auf seinen wunden Punkt hingewiesen hat? Den Zahlen sieht man den Unterschied nicht an, ob Äpfel und Birnen in den Topf geworfen wurden.

Bachmann und Fietze verweisen auf einen weiteren, gravierenden Punkt: „Die Mediatisierung der Professionen bedroht (…) ihre Autonomie und Deutungsmacht, das Herzstück der Professionen“ (S. 284). Wofür braucht man noch Verbände, wofür Kongresse, Supervision, Wissenschaft, Ethik? Professionalität definieren dann kommerzielle Anbieter. Deren Interessen sind kommerziell. „Wahr“ wird dann, was die Kasse füllt. Wohin das führen kann, konnte man erst jüngst am Beispiel des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) erleben: Man lädt einen Scharlatan als Keynote-Speaker ein, weil der die Massen zieht, die dann die Kassen füllen.

In den Worten von Bachmann und Fietze: „Was ein gutes Buch ist, bestimmt der amazon-Verkaufsrang und nicht das Literarische Quartett; einen guten Gastgeber erkennt man an den Bewertungen bei airbnb und die „Wahrheit“ daran, wie oft ein Beitrag auf facebook geteilt wurde“ (S. 286).

Zurück zum Coaching:

  • Dr. Christopher Rauen, der 1. Vorsitzende des DBVC, betreibt als Unternehmer die coachdatenbank.de
  • Oliver Müller, Gründer und Vorstandsmitglied bis 2010 des DCV, fungiert bei bettercoach.de als Berater für die Qualitätssicherung
  • Die ICF unterstützt coachfox.com

Jetzt könnte man argumentieren, besser man mischt da mit, als dass man außen vor bleibt und andere das Geschäft betreiben. Doch die Frage nach dem „Herzstück der Professionen“ (Bachmann & Fietze) bleibt weiter offen – und diskussionswürdig.

Coaching und künstliche Intelligenz

Ein Gespenst geht um in Europa: die künstliche Intelligenz! Und die bedroht uns … Was ich in den letzten Wochen zu dem Thema gelesen habe, ist an Naivität, Missverständnissen und schrägen Schlüssen kaum zu überbieten. Ich bin wirklich entsetzt. Nun gerät mir dieser Beitrag von Benno Grams im Coaching-Magazin (3/18) in die Finger. Dessen Anliegen, mir „verschiedene Aspekte künstlicher Intelligenz im Coaching“ nahezu bringen, konnte mich ebenfalls nicht überzeugen.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, das ist bekannt, doch sollte man zunächst einmal definieren, was man unter Intelligenz versteht. Das unterlässt der Autor aber geflissentlich. Hätte er etwas tiefer gegraben, hätte er feststellen können, was Intelligenz sein soll, ist selbst in der Psychologie, die den Begriff ja in die Welt gesetzt hat, umstritten. Immerhin hätte er so zu einer differenzierteren Sichtweise gelangen können. Diese Mühen offenbar scheuend erzeugt er bloß den Eindruck, über einen Passepartout, einen Dietrich, zu verfügen, mit dem er alle möglichen Welträtsel zu lösen vermag. Was natürlich nicht gelingen kann und nur peinlich aussieht. So erfährt die Leserschaft, Künstliche Intelligenz

  • denkt vernetzt
  • kann „Gründe erkennen“ und Schlussfolgerungen ziehen
  • „lernt“ und optimiert sich kontinuierlich

Von welchem IQ sprechen wir da gerade? Eventuell von der Größenordnung Bakterium?  „Künstliche Intelligenz [wird] 2026 die Intelligenz eines menschlichen Coachs wohl erreichen“, prophezeit  Benno Grams. Und als Leser fragt man sich unwillkürlich: Für wie (un)intelligent hält er Coaches?

Völlig überzogene Erwartungen

Zeitgleich erscheint im Personalmagazin (9/18) ein Interview mit Dr. Rainer Bischoff, dem Leiter der Kuka-Konzernforschung. Kuka gehört zu den weltweit führenden Automatisierungs- und Robotikspezialisten. Auf die Frage der Interviewerin, Stefanie Hornung, ob Roboter „quasi im Handumdrehen menschliche Tätigkeiten erlernen und viele Jobs ersetzen können“, antwortet Bischoff: „Das kann man nicht so stehen lassen (…) das Gegenteil ist der Fall. Man braucht heute immer noch Spezialisten, die ganze Anlagen planen und Roboter in diese integrieren und in Betrieb nehmen. Ganz zu schweigen von den Prozessexperten, die dem Roboter zeigen, wie sie zu schweißen, zu kleben und zu montieren haben (…) das hat nicht viel mit intelligentem Verhalten zu tun (…). Der Roboter kann nicht denken, hat kein Bewusstsein, hat nicht die Feinfühligkeit des Menschen und keine Kreativität“ (S. 53).

Bischoff deklariert vier Entwicklungsstufen der Automatisierung:

  • starr
  • sensitiv und sicher
  • mobil
  • autonom agierend

und konstatiert: „Wir sind gerade mal bei der zweiten Revolution angekommen, obwohl viele sogenannte Experten und Medienvertreter behaupten, die Herrschaft der Roboter sei nah“ (S. 54).

Ins selbe Horn stößt Thomas Jenewein, Business Development Manager SAP Education Mittel & Osteuropa, in managerSeminare (245): „(…) einen universellen digitalen Coach wird es meiner Meinung nach nicht geben. Dafür benötigt man Empathie und Bauchgefühl“ (S. 75).

Es ist an der Zeit, diese Diskussion seriös zu führen. Ich selbst versuche dies mit der Besprechung einschlägiger Bücher wie „Digitale Medien im Coaching“ und „Online-Coaching“ – oder mit dem Hinweis auf seriöse, konkrete Forschung zum Thema. Daher schließe ich mich der Einschätzung von Dr. Bischoff an, wie haben gerade erst begonnen und es liegt noch eine gehörige Wegstrecke vor uns.

Kontextwechsel – Zeitreise mit den Stummfilmtagen

34. Internationale Stummfilmtage BonnGerade erst habe ich eine Anregung zum Perspektivenwechsel gegeben. Nun folgt eine zum Kontextwechsel. Wie wäre es mit einer Zeitreise? Wie sah die Welt vor 100 Jahren aus? Was können wir daraus für heute lernen? In Bonn laufen wieder die internationalen Stummfilmtage – zum 34. Mal und wie immer anregend.

Neben mir saß eine Mutter mit ihrem jungen Sohn, der schlicht Bauklötze staunte: Ein Film in schwarz-weiß, ohne Ton, statt dessen mit Live-Musik-Begleitung. Keine schnellen Schnitte: Früher erzählte man Geschichten ohne schnörkel- und atemlose Suspense-Dramatik. Man erlaubte sich auch den einen oder anderen Nebenweg im Erzählfluss. Mimik und Gestik wurden betont, weil ja der Ton fehlte. Was faszinierend ist, man sieht Schauplätze, Technik, Moden, Verhaltensweisen, die es heute nicht mehr gibt. Sie werden im Film lebendig und beschäftigen das Publikum, das natürlich parallel mit dem Heute vergleicht.

Das ist lehrreich. Deshalb zeige ich meinen Studierenden gerne solche Filmausschnitte in meinen Veranstaltungen. Bspw. jenen berühmten Ausschnitt aus Charly Chaplins „Modern Times“ (1936), jene geniale frühe Karikatur des Taylorismus: Chaplin am Fließband. Um dann selbstverständlich einige Fragen hinterher zu schieben: Gibt es solche Arbeitsprozesse heute in Ihrem Arbeitsalltag auch noch? Wo sind die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten? Was hat sich verändert in 100 Jahren – gesellschaftlich, technologisch, beim Bildungsstand der Mitarbeiter, im Bereich Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung, bei der Mitarbeiterführung?

Es dauert in der Regel nur wenige Minuten, bis wir dann bei aktuellen Fragestellungen sind und feststellen, das die vermeintlich ollen Kamellen brennend aktuell sind. Denn die alten Fragen stellen sich angesichts der Digitalisierung mit neuer Schärfe … In meinem Buch führe ich die systemischen Grundlagen (Perspektiven- und Kontextwechsel) für Interessierte weiter aus.

Perspektivenwechsel – mit M.C. Escher

Wenn ich nach den Grundlagen systemischen Denkens gefragt werde, verweise ich u.a. auf die Stichworte Kontext- & Perspektivenwechsel. Das klingt vielleicht für den einen oder die andere zunächst sperrig und erklärungsbedürftig, daher suche ich immer wieder anschauliche Beispiele. Beim Thema Perspektivenwechsel geht kein Weg am Künstler M.C. Escher vorbei. Wer kennt seine Zeichnungen nicht? Sie eignen sich auch ganz hervorragend als visuelle Inputs in Coaching-Prozessen.

Nachdem ich in 2016 die große Escher-Ausstellung in heimischen Brühl (Max Ernst Museum) gesehen hatte, war nun der Kontextwechsel an der Reihe. Auf unserer Radtour rund ums Ijsselmeer haben wir auch einen Abstecher nach Leeuwarden gemacht, der europäischen Kulturhauptstadt 2018. Das Fries Museum zeigt den Meister in einer großen Ausstellung – achtzig Originalgrafiken, etwa zwanzig Zeichnungen und verschiedene Fotos und Gegenstände – bis zum 28. Oktober.

Leeuwarden – europäische Kulturhauptstadt

Der Besuch in Leeuwarden lohnt sich, weil dort noch viel mehr auf die Besucher wartet. So auch das Straßentheater-Ensemble Royal de Luxe mit The Giants (17.-19. August). Oder das faszinierende multimediale Projekt rund um Sprache: Lân fan taal (Land der Sprache). Neben der Escher-Ausstellung also weiteres exzellentes Brain-Food für Coaches – und Führungskräfte, die Anregungen zur Erweiterung des Horizonts suchen. Wen die theoretische Fundierung der systemischen Grundlagen interessiert, findet dazu in meinem Buch weitere Informationen.

Webinar: Was ist eigentlich „systemisch“?

Viele beklagen, systemisch sei inzwischen zu einer inhaltsleeren Modevokabel verkommen. Ich habe mich daher sehr gefreut, dass Johannes Thönneßen mich als Experten für ein Webinar angefragt hat. Wir beide kennen uns vermutlich schon 20 Jahre, aber das Thema hatten wir bislang in der Tiefe gemeinsam auch noch nicht durchwandert.

Ende Juni war es dann soweit. In der Reihe „MWonline im Dialog mit …“ (Teil 4) unterhalten wir uns live und vor Auditorium. Der Mitschnitt (48:34 Min.) ist nun als Video online. Leider sind die Lautstärken nicht optimal: er zu laut, ich zu leise. – Es hat Spaß gemacht!

Die Fragen:

  • Alles ist heutzutage „systemisch“. Wird der Begriff „missbraucht“?
  • Wie würdest du einem Laien in wenigen Sätzen den Gegenstand der System-Theorie erklären?
  • Welchen Nutzen stiftet die Systemtheorie für Berater und Coaches? Woran erkenne ich, ob jemand sich nicht nur „systemisch“ nennt, sondern auch so arbeitet?
  • Wie würdest du einem Klienten das Vorgehen des systemischen Beraters darstellen?
  • Welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen systemischen Coaching und lösungsorientierten Coaching?

Forschungskongress: Coaching meets Research

Das waren wieder anregende Kongresstage im Juni auf dem 5. Internationalen Forschungskongress „Coaching meets Research“ an der FHNW in Olten (Schweiz). Wie vor zwei Jahren  waren Organisation und Moderation perfekt. Die Mischung an Formaten und Themen ließ keine Langweile aufkommen. Als Biennale der Coaching-Szene bietet die Veranstaltung die Möglichkeit zum Austausch, zum Netzwerken und zum Blick über den Tellerrand.Forschungskongress Coaching meets Research 2018 in Olten (Schweiz)

Die Themen „Organisation, Digitalisierung und Design“ standen auf dem Kongress im Vordergrund. Und damit vor allem die Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt sowie die daraus resultierenden Herausforderungen an Coaching und die Coaches. Eine bemerkenswerte Stimme aus der abschließenden Podiumsdiskussion: ZHAW-Forscher Professor Hansjörg Künzli warnte, jeden Tag würden neue Beratungsangebote von Selbsthilfegruppen im Internet aufgemacht, in der Psychotherapie sei „online“ lange schon angekommen, die Wirksamkeit sei mit der „Offline“-Form definitiv vergleichbar, deshalb dürften etablierte Coaches den neuen Herausforderungen nicht vornehm aus dem Weg gehen. – Ganz meine Meinung!

Der wissenschaftliche Fortschritt, das zeigte sich, bewegt sich inzwischen in gutem, breitem Fahrwasser. Die Diskussions- und Kooperationskultur funktioniert. Keine Frage, dass ich in 2020 wieder dabei sein will.

Hier mein ausführlicher Bericht für Coaching-Report.

Gastvortrag: Lösungsfokussiertes Coaching

Das war mir eine besondere Freude, Jörg Middendorf in meinen Master-Kurs an der Kölner Hochschule Fresenius für einen Gastvortrag einzuladen. Jörg ist ein versierter, nach dem Ansatz  des sog. lösungsfokussierten Coachings arbeitender Coach. Dieser Ansatz geht auf Steve DeShazer und Insoo Kim Berg zurück. Letztens erst habe ich Jörgs neues Buch hier positiv  besprochen. Er hat sich Zeit für ein wirklich praxisorientiertes Seminar genommen. Und stellte sich im Anschluss den Fragen der Studierenden.

Es war eine rundum gelungene Veranstaltung, die wir dann anschließend im Biergarten noch gemütlich haben ausklingen lassen.

Coaching mit digitalen Medien

Es war ein Fortschritt für die Branche, dass sich der Erdinger Coaching-Kongress 2016 dem Thema Virtuelles Coaching widmete. Inzwischen liegt nun der um zusätzliches Material angereicherte Kongressband vor. Eine beachtenswerte Bestandsaufnahme zum Thema. Den Herausgebern gebührt Dank dafür.
Allerdings – das hatte ich nach anfänglicher Lektüre schon gemutmaßt – war ich im Zweifel, ob das Buch die konzeptionelle Flughöhe gewinnen würde, die ich mir so vorstellte. Meine Zweifel wurden leider nicht zerstreut, so bedauere ich nun in meiner Rezension für das Coaching-Magazin (Online-Vorabveröffentlichung). Erst nach etwa hundert Seiten  ist es soweit:  Gegen Ende des großen zweiten Blocks „Beispiele für Coaching-Online-Plattformen“ – mit dem hervorragenden Beitrag von Elke Berninger-Schäfer und Kollegen über die Eigenentwicklung „CAI® World“. Davor und danach findet sich eine heterogene Sammlung von Beiträgen. Ein Panoptikum, so schillernd wie viele Veröffentlichungen zum Thema Coaching insgesamt: Grenzen sind unscharf – alles ist Coaching, auch wenn es vielmehr Training oder E-Learning ist. Auch der Reflexionsgrad ist recht unterschiedlich: Vom naiv Euphorischen bis zum kritisch Differenzierten.

Eine wichtige Etappe, aber kein Grund zum Ausruhen

Das Buch ist eine wichtige Etappe, aber kein Grund zum Ausruhen, so mein Fazit. Daher freue ich mich jetzt schon auf die Lektüre des neuen Buchs von Elke Berninger-Schäfer Online-Coaching und hoffe, dass ich bald Zeit zum Lesen finden werde. In der Tat, finde ich, sollte man das Feld nicht den quirligen, konzeptionell aber oft unbedarften Akteuren überlassen. Es ist höchste Zeit für die Etablierten, die Hausaufgaben zu machen und das Feld aktiv selbst zu gestalten.

Pflege des Coaching-Images

Image hat weniger mit Fakten als mit subjektiven Einschätzungen zu tun. Nicht was man oder frau selbst über sich denkt, ist relevant, sondern was sich marktseitig spiegelt. Der Aufbau und die Pflege des Coaching-Images ist für Beratungsdienstleistungen extrem relevant, denn Coaching ist eine Dienstleistung und somit ein Vertrauensgut, habe ich gerade in der aktuellen Ausgabe der schweizerischen Zeitschrift bso-Journal (1/18) resümiert: Spieglein, Spieglein an der Wand …

Image hilft vor allem beim Auswahlprozess. Das ist nicht trivial … Klappern gehört zwar zum Handwerk. Aber „richtig“ klappern sollte man können. Es soll nicht aufdringlich sein, aber auch nicht zu bescheiden. Ich habe einmal die Markenpsychologie für die Fragestellung quer gelesen: Gutes Image hat nicht zuletzt auch einen protektiven Wert.

Download: >> Beitrag im bso-Journal (1/18)

Online-Coaching mit Avataren?

Deutsche Coaches halten nicht viel von Online-Coaching, dass hat Jörg Middendorfs Coaching-Umfrage Deutschland 2016 sehr klar heraus gearbeitet. Das mag einerseits einer überheblichen Grundhaltung entspringen, die sich teilweise auch aus Unkenntnis speist. So glaube ich, befindet sich das Gros der etablierten Coaches auf dem medienpsychologischen Stand der 1980er Jahre (Stichwort: Kanalreduktion). Andererseits gibt es auch abschreckende Praxisbeispiele wie dieses Video eines virtuellen Coachings mit Shailia Stephens-Würsig (technologische Basis: TriCAT Spaces). Da stellen sich einem zu Recht die Nackenhaare auf!

So war es sicher ein Fortschritt für die Branche, dass sich der Erdinger Coaching-Kongress 2016 dem Thema Online widmete und dabei Sonnen- wie Schattenseiten virtuellen Coachings heraus arbeitete. Inzwischen ist der Kongressband erschienen, der die Tagungsbeiträge dokumentiert und um weiteres Material anreichert. Doch rückblickend betrachtet mein erster Eindruck beim Reinlesen: überholt … und teilweise altbacken. Es reicht einfach nicht, olle Kamellen der Sorte Marshall McLuhan aufzuwärmen oder mit einer schrägen und unpassenden Differenzierung zwischen Basismedien und Problemlösungsmedien zu hantieren. Das führt nicht weiter, sondern in die Irre. Ich werde meinen ausführlichen Kommentar zum Buch sicher noch schreiben, aber eins scheint mir heute schon wichtig zu sagen: Liebe KollegInnen, macht Eure Hausaufgaben, greift zum medienpsychologischen Lehrbuch! Sonst wird Online-Coaching ohne Euch stattfinden …

Avatare können inzwischen in Echtzeit interagieren

Dabei ist es absolut bemerkenswert, was sich in der Praxis schon abzeichnet. Ich habe schier Bauklötze gestaunt, als ich auf SimCoach gestoßen bin. Das US-amerikanische Militär hat (u.a.) ein Problem: Viele Veterane (z.B. Afghanistan) leiden am Posttraumatischen Belastungssyndrom – holen sich aber kein Hilfe. Die Konsequenz: viele Suizide. Was kann man also machen, um den Leuten ein niedrigschwelliges Angebot zu machen, das ihnen hilft, sich zu orientieren und nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen? SimCoach ist ein solches Angebot. Man kann dort anonym mit einem Avatar in Kontakt treten, der eine Hilfestellung anbahnen kann.

Doch das war erst der Anfang! Die Weiterentwicklung der Software kann Emotionen erkennen und adaptiv auf Klienten eingehen, wenn diese sich in den Video-Chat begeben. Schließlich haben die meisten Laptops, Tablets etc. heute eine eingebaute Kamera. Sie glauben nicht, das das funktioniert? Den Exkurs zum Altmeister der Emotionspsychologie Paul Ekman spare ich mir an dieser Stelle: Es funktioniert!

3D-Umgebung für Bewerbungstrainings

Das können nicht nur die Amis, inzwischen wird solches auch in Deutschland genutzt. So hat im Rahmen des BMBF-Forschungsschwerpunkts InterEmotio das Projekt EmpaT eine interaktive 3D-Trainingsumgebung für Bewerbungsgespräche erforscht und entwickelt. Das erlaubt Personen, die eigenen sozialen und emotionalen Fähigkeiten in einem interaktiven Dialog mit virtuellen Avataren einzuschätzen und zu verbessern.

DFKI: Mehrkanal-Signal-Klassifikation für die Erkennung affektiver Signal-Sequenzen in EchtzeitDenn Bewerbungssituationen sind für Bewerber wie für Interviewer schwierige, hoch-emotionale Situationen. Die einen haben die Aufgabe, einen positiven Eindruck aufzubauen. Die andere Seite muss sich flexibel auf unterschiedliche Typen einstellen und das Bewerbungsgespräch zielorientiert führen. Das Softwaresystem des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) leistet die Echtzeit-Analyse sozialer Signale (Sprache, Mimik, Gestik und Körperhaltung), so dass sich das Verhalten des Trainingsavatars flexibel an die individuelle sozio-emotionale Situation des Bewerbers anpassen kann. Dahinter liegt ein neu entwickeltes Benutzermodell für Emotionen (MARSSI: Model for Appraisal, Regulation and Social Signal Interpretation). Ausgehend von typischen Mensch-Mensch-Interaktionen wurden Mehrkanal-Signal-Klassifikatoren gelernt, die die Erkennung affektiver Signal-Sequenzen in Echtzeit erlauben.

Die Systeme werden immer besser – und die Coaches?

Inzwischen wurden 22 Akzeptanz- und Evaluationsstudien durchgeführt. EmpaT, so zeigen erste Studien, ist besser als die klassische Vorbereitung auf Job-Interviews (Angstreduktion, Körpersprache, Interviewperformance). Natürlich wird hier noch weiter geforscht und menschliche Coaches sind noch lange nicht überflüssig. Doch die Coaches, die in diesem Kontext – auch in Zukunft noch – einen Mehrwert bieten wollen, müssen nicht nur Meister der Kommunikation sein, sie müssen sich auch auf der Höhe der Zeit befinden was Emotionspsychologie sowie Medienkompetenz betrifft und dürfen keine Scheu haben, mit IT-Experten zu kooperieren.

Insofern bin ich sehr gespannt auf die weitere Entwicklung. So steht der diesjährige DBVC-Kongress unter dem Motto Business Coaching – The Next Level. Absolut gespannt bin ich auf das in Kürze erscheinende Buch „Online-Coaching“ von Elke Berninger-Schäfer. Einen Vorgeschmack gibt das Interview mit ihr in der aktuellen Ausgabe 1/18 des Coaching-Magazins.