Instrumentalisierung von Coaching im Kapitalismus?

Coaching als Instrument, das dem (kapitalistischen) Unternehmen hilft, seine Mitarbeiter auszubeuten? Eine steile ideologische These vertreten zwei Autoren in der aktuellen Ausgabe 3/16 der Zeitschrift „OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching”. Die Instrumentalisierung kann man in Frage stellen. Mit gutem Grund und anerkannten „Zeugen“ wie ich im Post auf „MWonline“ ausführlich dargelegt habe.

Arg dramatisierte Darstellung …

Die Autoren des aktuellen OSC-Beitrags „Coaching im Dilemma von Psychopolitik und Selbstbefreiung“, Frank Schmelzer und Jana Löffler, beziehen sich auf ein Buch von Bjung-Chul Han (2014), dessen Lehren sie aufs Coaching anwenden. Dazu wird zunächst einmal didaktisch eine Fallgeschichte (Herr F.) präsentiert. Ein Coaching-Kunde, der kurz vor dem Burn-out ins Coaching kommt und blind dafür ist zu erkennen, wie er sich selbst mit seinen Leistungsansprüchen und dem „Sog der Selbstverwirklichung“ fertig macht. Zuhause weinen derweil Frau und Kinder …

… dafür fehlende Tiefe …

Sicher mag es solche Fälle gegen, sie aber zum Normalfall zu generalisieren, geht entschieden zu weit! Und solches funktioniert selbstverständlich nur, wenn man nötige Definitionen und Differenzierungen nach Kräften unterlässt. Ebenfalls die qualifizierte Bezugnahme auf die ja nun nicht neue Debatte. So stellten uns schon gegen Ende des letzten Jahrtausends sowohl Günter Voß und Hans Pongratz das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ als auch Richard Sennett den „flexiblen Menschen“ (im Original: The Corrosion of Character) vor. Vom breiten Publikum bejubelt, zerpflückte die wissenschaftliche Kritik doch deren Thesen als arg populistisch (Kuda & Strauß, 2002).

Ich rate statt dessen die Lektüre von Robert Musils epochalen und immer noch lesenswerten Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1943) an – dieses Werk ist fürs Coaching allemal anregender und zudem älter als Heinz von Foersters ethischer Imperativ: Vermehre die Möglichkeiten. Ebenfalls verweise ich auf anerkannte Coaching-Definitionen und Ethikkodices von Coaching-Verbänden: Dort steht in der Regel die Autonomie des Klienten im Vordergrund! Michael Loebbert stellt in seinem Buch „Coaching-Theorie“ auch sehr klar die Autonomie – die Wahrung und Vermehrung derselben – ins Zentrum seiner Überlegungen.

… bloß wohlfeiles Räsonieren

Natürlich besteht allgemein eine Gefahr der Instrumentalisierung von Coaching. Da sollte man nicht wegschauen. Doch die Perspektive sollte dahin ausgerichtet werden, wo es konkret werden kann: in den einzelnen Unternehmen – und nicht „intergalaktisch“. Unsere OSC-Autoren bauen nur einen Popanz auf, um anschließend genüsslich auf ihn einzudreschen. Ein durchschaubares und letztlich langweiliges Spiel.

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