Archiv für den Monat: Oktober 2017

Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf

Zuletzt habe ich über meinen Besuch der Documenta 14 berichtet. Nun war ich, nach zweimaligem Aussetzen, wieder in Venedig auf der Biennale: Was für ein Unterschied! Nicht nur von den Örtlichkeiten her, sondern auch inhaltlich. Hatte ich die Documenta als „Weltfestspiele der Kunst“ bezeichnet, so nehme ich das für diese Ausgabe definitiv zurück. Im Nachhinein erscheint sie im Gesamten eher provinziell. Mit ihrem penetranten, platten Antikapitalismus und ihrer Attitüde des politisch Korrekten, war vieles, was ich in Kassel gesehen habe – abgesehen von Ausnahmen – einfach kleinkariert. In Venedig war alles anders. Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf.

Humanismus – eine positive Botschaft

Es beginnt schon mit dem Motto: Humanismus – eine positive Botschaft. Da traf es sich ganz wunderbar, dass ich letztens in Rotterdam auf den Stadtpatron Erasmus aufmerksam wurde und mir sogleich eines seiner Schlüsselwerke besorgt hatte: Lob der Torheit. Was für ein wunderschönes Stück Literatur hat der Zeitgenosse von Martin Luther und Thomas Moore da geschaffen (1509). Das Meiste, was ich dort lesen konnte, hat heute noch Geltung. Eine anregende Lektüre auch für Coaches, nimmt doch der Meister dort der Reihe nach die Berufsstände auseinander, dass es nur so eine Freude ist. Getreu dem alten biblischen Motto (Prediger Salomos): alles eitel …

Jana Zelibska - Swan Song Now, Biennale Venedig 2017Zurück nach Venedig. Was sich bewährt hat, haben wir auch dieses Jahr gemacht: Ein Tag in die Gardini, ein weiterer in den Arsenale und am dritten haben wir uns gezielt „umliegende Ortschaften“ vorgenommen. Schon die ersten Pavillons haben uns überzeugt: Russland, Tschechoslowakei, Japan, Deutschland – wenn das Ensemble auch gerade seinen freien Tag hatte (einen Eindruck der Performance erhält man mit diesem Video). Wunderschön meditativ ist bspw. die Installation der Tschechin Jana Želibská: Swan Song Now. Vor einer monumentalen Projektion des Meeres mit seinen Wellenbewegungen und dem Geräusch der Brandung hat die Künstlerin etliche künstliche Schwäne auf Inseln positioniert und illuminiert. An der Seite gibt es ein Video eines Mädchens, oder ist es eine junge Frau? Der Schwan als heiliges Tier symbolisiert die innere Klarheit, aber auch den Wandel. Eine Oase in einer Welt, die den Kontakt zum Humanen oft verliert.

Conditio Humana

Evan Penny - Marsia, Chiesa di San Samuele, Biennale Venedig

Dann durfte natürlich die Bezugnahme auf den Gekreuzigten in dieser Biennale nicht fehlen. Einerseits liefern Roberto Cuoghi, Adelita Husni-Bey und Giorgio Andreotta Calò mit ihrem Il Mondo Magico (The Magic World) im italienischen Pavillon ein Beispiel für die kritische Auseinandersetzung mit der Conditio Humana. Ihre Fabrik spielte einerseits auf die Massenproduktion und Verwertbarkeit ab, ließ andererseits aber auch Anklänge an Frankenstein durchscheinen – der Mensch, letztlich unerlöst? Dazu passten hervorragend die Arbeiten von Evan Penny, die wir in der Chiesa di San Samuele unter dem Motto Ask Your Body fanden. Seine Figuren erinnern in ihrer Elongation an Giacometti, sind aber überdimensioniert naturgetreu mit Silikon modelliert, selbst mit Körperhaaren ausgestattet. Wieder die Frage nach der Conditio Humana, die eben auch viele Coaching-Kunden umtreibt: Wofür rackere ich eigentlich den ganzen Tag? Und was hat am Ende des Tages Bestand? Ich denke, dass die Betrachtung solcher Kunst emotionale und existenzielle Tiefenschichten ansprechen kann und im Dialog zu neuen Einsichten und Klärungen führen kann.

Bù xī – ein Kontinuum

Tang Nannan - marrow return, Biennale Venedig 2017Als eine echte Überraschung entpuppte sich für mich aber der chinesische Pavillon! Die chinesische Kultur ist Jahrtausende alt und zeichnet sich durch einige spektakuläre Kunstgattungen aus. Das Schattenspiel und Scherenschnitt, die Kalligrafie, die Malerei und Stickerei und andere. Zudem gibt es einige Schlüsselerzählungen, die mir nicht ganz unbekannt sind – 20 Jahre Tai Chi Yuan hinterlassen so ihre Spuren. Eine davon ist die Geschichte vom mystischen Vogel Jingwei (Nuwa), der die See im Osten mit Geröll auffüllen wollte. Oder die des verrückten alten Manns, der mit seiner Familie über Generationen hinweg einen Berg abtragen wollte. Die Künstler des chinesischen Pavillons verknüpfen diese Sujets mit berühmte Malereien der Song-Dynastie (12. Jh.), Skeleton Fantasy Show von Li Song und Twelve Images of Water Surging von Ma Yuan. Daraus ergibt sich anregende Conceptional Art, die ihrem Motto Generation by Generation – A Theatre of Collaboration eindrucksvoll gerecht wird. Die modernen Künstler nutzen natürlich Video und andere modernen Mittel. Besonders gefallen hat mir die Arbeit von Tang Nannan Marrow Return. In dieser unspektakulären Videoprojektion, an der vermutlich der eine oder die andere achtlos vorbei gegangen sind, klingen die Brandungsbilder und der mystische Vogel, der in die Tiefe der See blickt, wieder an. Absolut beeindruckend.

Drei Tage Venedig können anstrengend sein, aber die Anregungen lohnen sich allemal.