Ist Positive Psychologie negativ?

Das Editorial der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (3/17) von Claudia Harzer und Heidi Möller finde ich eher verwirrend als klärend. Claudia Harzer bemüht sich, Positive Psychologie nicht gegen die Negative Psychologie (den Rest) auszuspielen. „So ist das Label ‚Positive Psychologie‘ nicht gemeint. Es soll betonen, dass die Perspektive bewusst nicht defizitorientiert ist“ (S. 247).

Man kann es sich auch schwerer machen als es ist, finde ich! Indem man sich wie – Claudia Harzer –an einer doppelten Verneinung verrenkt. Selbstverständlich ist positive Psychologie eine politische Kategorie! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der mit dem Namen Seligman reflexhaft und ausschließlich das Konzept der erlernten Hilflosigkeit assoziiert wurde. Die Mainstream-Psychologie war über viele Jahrzehnte in großen Teilen tatsächlich defizitorientiert. Man erinnere sich nur einmal an die Kampagne zur Humanisierung der Arbeitswelt (ab 1974 bis in die späten 80er-Jahre). Aber nicht nur im Bereich der Arbeits- & Organisationspsychologie war das so. Der Therapieboom seit den 1960er-Jahren und sein enormer Widerhall in der Psychologie hatte – ich übertreibe einmal etwas – die Heilung des Individuums von seinen psychopathologischen Krankheiten zum Ziel; und manchmal schwappte das sogar weit ins Religiöse über.

Positive Psychologie als Paradigmenwechsel

Der Wandel, den Seligman und andere dann in den späten 1990er-Jahren vollzogen, ist insoweit definitiv paradigmatisch: Michael Tomoff fasst das in seinem lesenswerten Essential so zusammen: „All die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Psychologie zwei ihrer drei Missionen vernachlässigt. Während sie den Fokus auf

  1. die Heilung mentaler Krankheiten gelegt hatte, hatte sie sowohl verpasst,
  2. andere Menschen zu einem erfolgreicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen als auch
  3. ihre großen Talente und Begabungen zu identifizieren und zu fördern“ (Tomoff, 2015; S. 4).

Ein weiteres Beispiel mag dies ebenfalls unterstreichen: Wilmar Schaufeli erläutert im Interview mit mir, wie er den U-Turn vom Burnout-Forscher (und engem Kollegen von Christina Maslach) zum Work-Engagements-Forscher vollzog. Es beißt da keine Maus einen Faden ab: Bei der „Positiven Psychologie“ handelt es sich um einen klassischen, überfälligen Paradigmenwechsel der Psychologie! Dieser hat uns u.a. die Gesundheitspsychologie beschert, die heutzutage niemand mehr missen möchte, und zwar ohne die Klinische Psychologie abzuschaffen.

Handzahm und defensiv – muss das sein?

Nun hätten die beiden Kolleginnen das Editorial nutzen können, um den negativen Spuren in Organisationsberatung, Supervison und Coaching nachzuforschen. Von denen scheint es doch so einige zu geben, wie bspw. dieser noch recht frische Beitrag von Frank Schmelzer und Jana Löffler in besagter Zeitschrift OSC (3/16). So hätte man selbstkritisch über die eigene politische Voreinstellung reflektieren und über ein mehr oder weniger offensichtliches, teilweise verbrämtes Helfersyndrom diskutieren können. Hätte man – es findet aber nicht statt.

Warum so zahm? Fürchtet frau den Vorwurf der Nestbeschmutzung? Was weiter verwundert, ist, dass Editorin Claudia Harzer so defensiv gegenüber ihrer Mit-Editorin Heidi Möller argumentiert, die – wie man sie kennt – gerne auch mit grobem Klotz und Keil hantiert und hier nichts anderes als die alten „negativ-psychologischen“ Vorurteile auftischt: „Freud sprach davon, durch die analytische Kur neurotisches Elend in allgemeines Leid zu wandeln“ (S. 248). Was für eine Vorlage! Doch Claudia Harzer macht nichts draus, verteidigt positive Psychologie stattdessen: Positive Psychologie sei nicht als „Happiology“ (Immer nur lächeln; Lehár) misszuverstehen. Schwache Argumentation! Haben nicht vor Kurzem erst Gerhard Roth & Alica Ryba in ihrem Buch die Psychoanalyse nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert? Heidi Möller lehnt sich trotzdem weit aus dem Fenster … Immer nur lächeln – oder Pfeifen im Walde?

Ich bin schon gespannt auf die restlichen Beiträge dieser OSC-Ausgabe.