Archiv für den Monat: Oktober 2018

Face-to-Face: überbewertet?

Nach intensiver Sichtung der medienpsychologischen Forschung der letzten Jahre kann man zu der Meinung kommen: Im Coaching wird Face-to-Face traditionell überbewertet. Wer das Buch von Elke Berninger-Schäfer Online-Coaching liest, wird in dieser Meinung, die ich selbst schon seit geraumer Zeit hege, bestärkt. Nun gesellen sich weitere Stimmen hinzu. So langsam nimmt das Chorstärke an …

Die Zeitschrift OSC behandelt in der aktuellen Ausgabe das Thema Digitalisierung in der Beratung. Neben der vor Kurzem von mir besprochenen Veränderung des Marktes werden weitere Aspekte betrachtet:

  • Coaching über digitale Kanäle und mit digitalen Tools passt sich in den modernen Arbeitsalltag perfekt ein (Katja Kantelberg)
  • In virtuellen Formaten verändert sich die Begegnung zwischen Coach und Klient, was Vor- und Nachteile mit sich bringt  (Dr. Karin Martens-Schmid)
  • Avatarbasiertes Coaching in einer Gaming-Umwelt könnte für die Coaching-Praxis relevant sein (Jessica Huss & Christiane Eichenberg)
  • Telefon-Coaching ist professionell und keine Billigvariante zum
    Face-to-Face-Coaching (Claudia Bredt)
  • Der Workflow des Coachs lässt sich digital optimieren (Dr. Andreas Knierim)

Ein Zitat aus dem Interview mit Claudia Bredt mag illustrieren, was sich hier verändert und was dabei wichtig ist: „Ich habe aufgehört, das Face-to-Face-Coaching überzubewerten. Ich schenke seitdem der Rahmung des Telefoncoachings besondere Beachtung. Der Klient ist ja wirklich mutig, wenn er sich darauf einlässt. Er muss sich trauen und dafür auf der Seite des Coachs Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren. Wichtig ist hier die Botschaft, dass ich dem Klienten diese Form der Beratung als effektives Lernfeld zutraue. Doch eigentlich ist das in der Face-to-Face-Beratung nicht anders. Die Frage des Vertrauens hat aus meiner Sicht wenig mit dem Medium zu tun, sondern vielmehr mit einer verlässlichen Struktur, die ich im Telefoncoaching genauso anbieten kann wie in einer Face-to-Face-Situation“ (S. 351f.).

Online-Coaching: Das Lehrbuch

Berninger-Schäfer (2018). Online-CoachingBislang fehlte eine medienpsychologische Grundlegung und Anwendung von Online-Coaching. Elke Berninger-Schäfer legt diese nun in der Breite und Tiefe in ihrem Lehrbuch  Online-Coaching vor. Endlich kann das Publikum den Stand der Forschung wahrnehmen und sich hoffentlich inspirieren und für Neues begeistern lassen.

Zentral erhellend ist, was die Autorin in Kapitel 7 unter „spezifische Wirkfaktoren im Online-Coaching“ vorträgt. Hier zeigt sich sehr klar, dass es gar keinen Grund für ein bislang moniertes Defizitmodell des Online-Coachings („Kanalreduktion“) gibt:

  • Inzwischen gilt als Evidenz-basiert , dass online eine stärkere Selbstoffenbarungsneigung entstehen kann; und zwar insbesondere bei visueller Anonymität (Nähe durch Distanz).
  • Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus der „hyperpersonalen Perspektive“: „Bei Online-Anwendungen ist (…) mehr Selbststeuerung möglich, wenn Personen beispielsweise darüber entscheiden können, wann Sicht- bzw. Hörbarkeit zugelassen wird, wie lange jemand online sein möchte, wann und in welcher Form (synchron oder asynchron) bzw. welche Tools eingesetzt werden“ (S. 52).
  • Es gibt deutliche Belege dafür, dass sich auch die emotionale Nähe zwischen Online-Kommunikationspartnern steigern kann – aufgrund fehlender Ablenkung durch Hinweisreize.
  • In schriftbasierter Kommunikation lässt sich offenbar eine Steigerung der Reflexionsprozesse beobachten.
  • Zudem lässt sich die Umsetzungsunterstützung, eine Achillesferse bislang im Coaching, online-basiert viel besser gestalten, vor allem in 3-D-Welten: Hier spielen Presence, Immersion, Involvierung und Identifikation mit einem Avatar eine nicht zu unterschätzende Rolle.

„Kanalreduktion“, so lässt sich bilanzieren, kann also auch – bislang weniger fokussierte – kommunikative Vorteile gegenüber dem klassischen Face-to-Face-Coaching produzieren. Vielleicht ist das zurzeit noch recht spekulativ, aber eventuell könnte man bald den Spieß mit dem Defizitmodell auch umdrehen, sodass die Online- die Offline-Möglichkeiten überstiegen …

Eine längere Buchbesprechung aus meiner Feder ist in der Zeitschrift OSC erschienen.