Coaching und künstliche Intelligenz

Ein Gespenst geht um in Europa: die künstliche Intelligenz! Und die bedroht uns … Was ich in den letzten Wochen zu dem Thema gelesen habe, ist an Naivität, Missverständnissen und schrägen Schlüssen kaum zu überbieten. Ich bin wirklich entsetzt. Nun gerät mir dieser Beitrag von Benno Grams im Coaching-Magazin (3/18) in die Finger. Dessen Anliegen, mir „verschiedene Aspekte künstlicher Intelligenz im Coaching“ nahezu bringen, konnte mich ebenfalls nicht überzeugen.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, das ist bekannt, doch sollte man zunächst einmal definieren, was man unter Intelligenz versteht. Das unterlässt der Autor aber geflissentlich. Hätte er etwas tiefer gegraben, hätte er feststellen können, was Intelligenz sein soll, ist selbst in der Psychologie, die den Begriff ja in die Welt gesetzt hat, umstritten. Immerhin hätte er so zu einer differenzierteren Sichtweise gelangen können. Diese Mühen offenbar scheuend erzeugt er bloß den Eindruck, über einen Passepartout, einen Dietrich, zu verfügen, mit dem er alle möglichen Welträtsel zu lösen vermag. Was natürlich nicht gelingen kann und nur peinlich aussieht. So erfährt die Leserschaft, Künstliche Intelligenz

  • denkt vernetzt
  • kann „Gründe erkennen“ und Schlussfolgerungen ziehen
  • „lernt“ und optimiert sich kontinuierlich

Von welchem IQ sprechen wir da gerade? Eventuell von der Größenordnung Bakterium?  „Künstliche Intelligenz [wird] 2026 die Intelligenz eines menschlichen Coachs wohl erreichen“, prophezeit  Benno Grams. Und als Leser fragt man sich unwillkürlich: Für wie (un)intelligent hält er Coaches?

Völlig überzogene Erwartungen

Zeitgleich erscheint im Personalmagazin (9/18) ein Interview mit Dr. Rainer Bischoff, dem Leiter der Kuka-Konzernforschung. Kuka gehört zu den weltweit führenden Automatisierungs- und Robotikspezialisten. Auf die Frage der Interviewerin, Stefanie Hornung, ob Roboter „quasi im Handumdrehen menschliche Tätigkeiten erlernen und viele Jobs ersetzen können“, antwortet Bischoff: „Das kann man nicht so stehen lassen (…) das Gegenteil ist der Fall. Man braucht heute immer noch Spezialisten, die ganze Anlagen planen und Roboter in diese integrieren und in Betrieb nehmen. Ganz zu schweigen von den Prozessexperten, die dem Roboter zeigen, wie sie zu schweißen, zu kleben und zu montieren haben (…) das hat nicht viel mit intelligentem Verhalten zu tun (…). Der Roboter kann nicht denken, hat kein Bewusstsein, hat nicht die Feinfühligkeit des Menschen und keine Kreativität“ (S. 53).

Bischoff deklariert vier Entwicklungsstufen der Automatisierung:

  • starr
  • sensitiv und sicher
  • mobil
  • autonom agierend

und konstatiert: „Wir sind gerade mal bei der zweiten Revolution angekommen, obwohl viele sogenannte Experten und Medienvertreter behaupten, die Herrschaft der Roboter sei nah“ (S. 54).

Ins selbe Horn stößt Thomas Jenewein, Business Development Manager SAP Education Mittel & Osteuropa, in managerSeminare (245): „(…) einen universellen digitalen Coach wird es meiner Meinung nach nicht geben. Dafür benötigt man Empathie und Bauchgefühl“ (S. 75).

Es ist an der Zeit, diese Diskussion seriös zu führen. Ich selbst versuche dies mit der Besprechung einschlägiger Bücher wie „Digitale Medien im Coaching“ und „Online-Coaching“ – oder mit dem Hinweis auf seriöse, konkrete Forschung zum Thema. Daher schließe ich mich der Einschätzung von Dr. Bischoff an, wie haben gerade erst begonnen und es liegt noch eine gehörige Wegstrecke vor uns.

Ein Gedanke zu „Coaching und künstliche Intelligenz

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