Schlagwort-Archive: Gesellschaftspolitische Funktion

Coaching-Magazin – Jubiläum

Cover der ersten Ausgabe Coaching-Magazin (2008)Das Coaching-Magazin feiert mit der Ausgabe 4/18 sein zehnjähriges Jubiläum. Eigentlich ein Jahr zu spät. Ich wurde eingeladen, zum Jubiläum einen kleinen Beitrag zu leisten nach dem Motto: Wenn ich mich an diese ersten fünf Jahre Coaching-Magazin erinnere, was ist mir als erstem Chefredakteur besonders markant in Erinnerung geblieben? Ich war zunächst überrascht. Dann habe ich mich gefreut. Zum Schluss habe ich mich gefragt: Und worüber soll ich bloß schreiben?

Jetzt ist der Text als Teil einer Trilogie erschienen: Ein-, Rück- und Ausblicke. >>Download

 

Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf

Zuletzt habe ich über meinen Besuch der Documenta 14 berichtet. Nun war ich, nach zweimaligem Aussetzen, wieder in Venedig auf der Biennale: Was für ein Unterschied! Nicht nur von den Örtlichkeiten her, sondern auch inhaltlich. Hatte ich die Documenta als „Weltfestspiele der Kunst“ bezeichnet, so nehme ich das für diese Ausgabe definitiv zurück. Im Nachhinein erscheint sie im Gesamten eher provinziell. Mit ihrem penetranten, platten Antikapitalismus und ihrer Attitüde des politisch Korrekten, war vieles, was ich in Kassel gesehen habe – abgesehen von Ausnahmen – einfach kleinkariert. In Venedig war alles anders. Kunst und Coaching – ein zweiter Anlauf.

Humanismus – eine positive Botschaft

Es beginnt schon mit dem Motto: Humanismus – eine positive Botschaft. Da traf es sich ganz wunderbar, dass ich letztens in Rotterdam auf den Stadtpatron Erasmus aufmerksam wurde und mir sogleich eines seiner Schlüsselwerke besorgt hatte: Lob der Torheit. Was für ein wunderschönes Stück Literatur hat der Zeitgenosse von Martin Luther und Thomas Moore da geschaffen (1509). Das Meiste, was ich dort lesen konnte, hat heute noch Geltung. Eine anregende Lektüre auch für Coaches, nimmt doch der Meister dort der Reihe nach die Berufsstände auseinander, dass es nur so eine Freude ist. Getreu dem alten biblischen Motto (Prediger Salomos): alles eitel …

Jana Zelibska - Swan Song Now, Biennale Venedig 2017Zurück nach Venedig. Was sich bewährt hat, haben wir auch dieses Jahr gemacht: Ein Tag in die Gardini, ein weiterer in den Arsenale und am dritten haben wir uns gezielt „umliegende Ortschaften“ vorgenommen. Schon die ersten Pavillons haben uns überzeugt: Russland, Tschechoslowakei, Japan, Deutschland – wenn das Ensemble auch gerade seinen freien Tag hatte (einen Eindruck der Performance erhält man mit diesem Video). Wunderschön meditativ ist bspw. die Installation der Tschechin Jana Želibská: Swan Song Now. Vor einer monumentalen Projektion des Meeres mit seinen Wellenbewegungen und dem Geräusch der Brandung hat die Künstlerin etliche künstliche Schwäne auf Inseln positioniert und illuminiert. An der Seite gibt es ein Video eines Mädchens, oder ist es eine junge Frau? Der Schwan als heiliges Tier symbolisiert die innere Klarheit, aber auch den Wandel. Eine Oase in einer Welt, die den Kontakt zum Humanen oft verliert.

Conditio Humana

Evan Penny - Marsia, Chiesa di San Samuele, Biennale Venedig

Dann durfte natürlich die Bezugnahme auf den Gekreuzigten in dieser Biennale nicht fehlen. Einerseits liefern Roberto Cuoghi, Adelita Husni-Bey und Giorgio Andreotta Calò mit ihrem Il Mondo Magico (The Magic World) im italienischen Pavillon ein Beispiel für die kritische Auseinandersetzung mit der Conditio Humana. Ihre Fabrik spielte einerseits auf die Massenproduktion und Verwertbarkeit ab, ließ andererseits aber auch Anklänge an Frankenstein durchscheinen – der Mensch, letztlich unerlöst? Dazu passten hervorragend die Arbeiten von Evan Penny, die wir in der Chiesa di San Samuele unter dem Motto Ask Your Body fanden. Seine Figuren erinnern in ihrer Elongation an Giacometti, sind aber überdimensioniert naturgetreu mit Silikon modelliert, selbst mit Körperhaaren ausgestattet. Wieder die Frage nach der Conditio Humana, die eben auch viele Coaching-Kunden umtreibt: Wofür rackere ich eigentlich den ganzen Tag? Und was hat am Ende des Tages Bestand? Ich denke, dass die Betrachtung solcher Kunst emotionale und existenzielle Tiefenschichten ansprechen kann und im Dialog zu neuen Einsichten und Klärungen führen kann.

Bù xī – ein Kontinuum

Tang Nannan - marrow return, Biennale Venedig 2017Als eine echte Überraschung entpuppte sich für mich aber der chinesische Pavillon! Die chinesische Kultur ist Jahrtausende alt und zeichnet sich durch einige spektakuläre Kunstgattungen aus. Das Schattenspiel und Scherenschnitt, die Kalligrafie, die Malerei und Stickerei und andere. Zudem gibt es einige Schlüsselerzählungen, die mir nicht ganz unbekannt sind – 20 Jahre Tai Chi Yuan hinterlassen so ihre Spuren. Eine davon ist die Geschichte vom mystischen Vogel Jingwei (Nuwa), der die See im Osten mit Geröll auffüllen wollte. Oder die des verrückten alten Manns, der mit seiner Familie über Generationen hinweg einen Berg abtragen wollte. Die Künstler des chinesischen Pavillons verknüpfen diese Sujets mit berühmte Malereien der Song-Dynastie (12. Jh.), Skeleton Fantasy Show von Li Song und Twelve Images of Water Surging von Ma Yuan. Daraus ergibt sich anregende Conceptional Art, die ihrem Motto Generation by Generation – A Theatre of Collaboration eindrucksvoll gerecht wird. Die modernen Künstler nutzen natürlich Video und andere modernen Mittel. Besonders gefallen hat mir die Arbeit von Tang Nannan Marrow Return. In dieser unspektakulären Videoprojektion, an der vermutlich der eine oder die andere achtlos vorbei gegangen sind, klingen die Brandungsbilder und der mystische Vogel, der in die Tiefe der See blickt, wieder an. Absolut beeindruckend.

Drei Tage Venedig können anstrengend sein, aber die Anregungen lohnen sich allemal.

Kunst und Coaching

Seit 1987 besuche ich die „Weltfestspiele der Kunst“: die Documenta in Kassel. So auch dieses Jahr. Kunst ist eine exzellente Möglichkeit, die Perspektive und den Kontext zu wechseln, sich exzentrisch anregen und infrage stellen zu lassen, sich auseinanderzusetzen. Darum geht es ja auch im Coaching. Deshalb kann ich mir – neben kollegialer Supervision und Fachkongressen (wie Coaching meets Research) – wenig anderes als Kunst zur Inspiration vorstellen – abgesehen von den ebenfalls obligatorischen Besuchen von Musikkonzerten, Kino, Theater …

Was nehme ich mit von der DOCUMENTA 14? Insgesamt erstaunlich wenig, wenn ich das mit der d13 vor fünf Jahren vergleiche. Die Pavillons in der Karlsaue seinerzeit waren ein extrem gelungenes Arrangement. In diesem Jahr fand sich dort nur wenig. Dafür gab es aber auch faszinierende neue Orte wie die Neue neue Galerie (neue Hauptpost).

Documenta 14: Meine Highlights

Für mich gehörten zu den wichtigsten Exponaten die vorübergehend neue Inschrift auf dem Portikus des Fridericianums: beingsafeisscary. Banu Cennetoglu (2017). beingsafeisscaryEs ist der Beitrag der 1970 in Ankara geborenen Künstlerin Banu Cennetoğlu. Das ist nicht nur ein Weckruf zum aktuellen Zeitgeschehen, sondern fokussiert für mich auch wunderbar die Situation in vielen Coaching-Situationen.

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich The Parthenon of Books der 1941 in Buenos Aires geborenen Künstlerin Marta Minujin. In dieser beeindruckenden, maßstabsgetreuen Nachbildung des griechischen Parthenons werden Bücher, die irgendwo auf der Welt verboten werden, präsentiert. Was bei Cennetoğlu schon anklingen mag, präzisiert Minujin: Heute stehen Grundverständnis und Werte unseres Zusammenlebens wieder radikal zur Disposition. Auch das ist oft der Kern vieler Coachings: Was sind meine Werte, was sind die des Unternehmens? Und wie kann ich in widersprüchlichen Situationen erfolgreich navigieren? Das Unbehagen, Unbehagliche, Unwirtliche, Vorläufige wird beispielsweise im Betonröhren-Haus von Hiwa K. (geb. 1975 in Irak) umgesetzt: When We Where Exhaling Images.

Hiwa K. (2017). When We Where Exhaling Images. Documenta 14, KasselEs sind das Dystopische und das Wiederauftauchen von verdrängten historischen Ereignissen, die die diesjährige Documenta prägen. Teilweise erfolgt das in inflationär weltverbesserischen Tiraden und didaktischen Belehrungen, die ich weniger mochte.

Das ist im Coaching anders: Dort vermeiden wir, wenn es nur irgend geht, den erhobenen Zeigefinger.

Implementierung von Coaching in Organisationen

Das diesjährige Coaching-Supplement der Zeitschrift managerSeminare (Beilage zum Juni-Heft) bietet wieder eine interessante Mischung. Dabei ragt für mich das Interview mit Dr. Thomas Bachmann heraus. Redakteur Andree Martens befragte diesen zu einer Studie der Berliner Forschungsgruppe (artop GmbH), die schon im vergangenen Jahr ausführlich in der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (OSC 3/16) erschienen war. Es geht um vier verschiedene Verständnistypen von Coaching, die maßgeblich für die Implementierung in Organisationen sind.

Erste Erkenntnis: Es gibt in der Praxis offenbar weder ein strikt einheitliches Muster der Implementierung, noch eine Fülle disparater Ansätze. Bachmann und Kollegen finden hingegen vier typische Muster. Diese lassen sich nach den Dimensionen organisationale Kontrolle (Autonomie vs. Steuerung) sowie Zielgruppennutzen (Person vs. Organisation) sortieren und sind offenbar weitgehend implizit:

  1. Therapie/Heilung (Autonomie/Person). Das Coaching ist primär personenfokussiert, die Steuerungsabsicht des Unternehmens tritt in den Hintergrund. Ob Kummerkastenfunktion, Trösten, Pampern oder aufwändige Persönlichkeitsentwicklung, alles hat Platz in der Black Box. Der Return on Investment interessiert die Unternehmen offenbar weniger, man möchte den Mitarbeitern prinzipiell etwas Gutes tun. Typische Themen: Work-Life-Balance sowie Zeit- und Selbstmanagement. Dieses Verständnis ist der am häufigsten auftretende Typ.
  2. Selbstorganisation/Empowerment (Autonomie/Organisation). Bei diesem Ansatz steht die verbesserte Zusammenarbeit im Fokus. Führung und Rollenklärung sind daher wichtige Themen. Mit diesem prinzipiellen Blick auf Potenzialentwicklung verbindet sich auch eine gewisse Ergebnisoffenheit der Organisation. Dieses Verständnis ist der am zweithäufigsten auftretende Typ.
  3. Expertenberatung/Optimierung (Steuerung/Organisation). Die Organisation versucht, Coaching zu funktionalisieren, damit der „Laden läuft“. Der Erwartungsdruck ist eher hoch. Typische Themen: Konflikte, Teamprobleme, Mikropolitik und Entscheidungen. Personale Problemstellungen geraten dann weniger in den Blick. Dieses Verständnis ist der am dritthäufigsten auftretende Typ.
  4. Pädagogik/Erziehung (Steuerung/Person). Hier dominieren erzieherische Absichten der Organisation. Bei Mitarbeitern werden Defizite diagnostiziert, die im Coaching bearbeitet werden sollen. Typische Themen: Standing und Auftreten. Auch hier ist ein Erwartungsdruck spürbar – vor allem auf den Schultern der einzelnen Mitarbeiter. Organisatorische Anteile an Problemen werden hingegen gerne ausgeblendet. Dieses Verständnis ist der seltener auftretende Typ.

Organisationskultur macht den Unterschied

Diese vier verschiedenen Coaching-Verständnistypen ließen sich empirisch via Clusteranalyse bestätigen. Als Erklärung verweisen die Berliner Forscher auf implizite Theorien über Lernen und Veränderung und damit auf verschiedene Wertorientierungen bzw. Organisationskulturen.

Damit haben wir nun einen tragfähigen neuen Ansatz zur Verfügung, der alte Etiketten wie Defizit- vs. Potentialorientierung oder auch das Reifegradmodell an Erkenntnisgewinn übersteigt. Auch das von Wolff (2012) präsentierte sogenannte Funktionspendel, das Eingang in das DBVC-Coaching-Kompendium gefunden hat, dürfte damit relativiert werden.

Framing – Über die Wirkung von Sprache

Über das Thema, wie Sprache die Wahrnehmung der Welt beeinflusst, ist schon viel gesprochen worden. Auch darüber, welche Wirkung von Sprache auf unser Urteilen festzustellen sind. Im Zusammenhang mit dem US-amerikanischen Wahlkampf elektrisierte nun die These, die Republikaner hätten gezielt Framing, also eine manipulative Inszenierung, genutzt. Sprache ist verräterisch – wenn es auch der eine oder die andere nicht gleich bemerkt haben sollte.

Wehling (2016). Politisches FramingIn meinem Beitrag für managementwissenonline.de habe ich das Buch von Elisabeth Wehling besprochen und diesem das Lehrbuch von Jörg Matthes gegenüber gestellt. Fazit: Ja, man kann an Sprache so ran gehen und ihre Mechanismen erforschen. Aber man sollte es kritisch und seriös machen. Dass oft von Steuerlast statt von Steuerbeitrag gesprochen wird, ist ein Beispiel, das zeigt, wie man Menschen mit Frames (Rahmen, Perspektiven) steuern kann. Steuern zu zahlen bekommt so einen negativen Beigeschmack (Last). Man könnte es eben auch als „mein Beitrag zum Gemeinwesen“ verstehen. Das wäre positiver ausgedrückt. Doch der kritische Leser wartet bei Frau Wehling vergeblich auf Häufigkeitsstatistiken. Man bekommt lediglich einzelne Beispiele als Belege. Was nicht gerade das Vertrauen in ihre Argumentation unterstützt.

Framing vs. Qualitative Inhaltsanalyse

Matthes (2014). Framing Jörg Matthes geht da nüchterner vor. Sein Lehrbuch klärt nicht nur die Begrifflichkeiten, sondern legt auch die Entwicklungsgeschichte dar. Dann werden Forschungslogik und Methoden dargelegt. All das geschieht recht umsichtig, kritisch und – welche Freude – nicht verquast, sondern leicht verständlich. Daher ist auch das Kapitel über empirische Befunde sehr erhellend, weil nur so deutlich wird, was man belastbar sagen kann und wo die Spekulation lauert. Dass Framing nicht zur Universalwaffe taugt, sich ihm trotzdem gerne in der Absicht bedient wird, versteht man leicht, wenn man sich die Weiterentwicklungen in der Theoriebildung anschaut. Es wird halt gerne versucht, so manches unter dem Framing-Dach unterzustellen, was da nicht unbedingt hingehören muss – so die abschließende, ernüchternde Kritik des Autors.

Mayring (2015). Qualitative InhaltsanalyseDa lobe ich mir doch die gute alte Inhaltsanalyse nach Mayring, die die Nachvollziehbarkeit methodisch verankert hat. Ich lasse gerne meine Studierenden mit dieser Methode arbeiten, erscheint mir ihre Validität gegenüber anderen Methoden doch deutlich ausgeprägter zu sein.

Coaching als Selbstoptimierung?

Derzeit kann man am Kölner Theater eine schöne Komödie sehen: „Wir wollen Plankton sein“ – von Julian Pörksen. Es geht darum, wie man heute noch Theater machen kann, wo doch schon alles gesagt worden ist? Dabei geht es gar nichts so sehr um abgründig existenzielle Fragen wie bei Samuel Beckett. Sondern es wird schlicht der Status der totalen Erschöpfung festgestellt. Alles Fragen, alles Antworten hat sich tot gelaufen. Doch die Maschine der Selbstoptimierung rattert weiter – im Leerlauf.

Was für eine schöne Metapher. Und kein Schelm, dem gleich die Stichworte Hyperaktivität und Burnout dazu einfallen. Sind das nicht oft die Themen, die Menschen umtreiben, ins Coaching zu kommen, weil – da muss doch noch was gehen …? Da kann man dann auch schön auf die dicke Weltuntergangstrommel hauen. Oder bescheidener formulieren: „Das kann doch nicht alles gewesen sein …“. So textete seinerzeit Wolf Biermann (den ich übrigens Anfang der 1990er-Jahre die Ehre hatte, intensiv zu interviewen, was dann in mehreren Beiträgen in Print und Rundfunk erschien).

Revolutionär oder konterrevolutionär?

Pörksen ist da als Autor klar, einfach und konträr zu den Vorläufern, indem er die Parole ausgibt: Verschwende Deine Zeit! Ist das nun revolutionär oder konterrevolutionär? Oder schlicht das richtige Stück zur richtigen Zeit, wie Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger mutmaßt?

Nichtstun als Tun. Sabotage als Agitation. Wenn die Mittelmäßigkeit wieder zur Normalität wird, wird Entspannung rehabilitiert. Vita activa, vita contemplativa – wenn das nicht ein gutes Thema für’s Coaching ist …

Instrumentalisierung von Coaching im Kapitalismus?

Coaching als Instrument, das dem (kapitalistischen) Unternehmen hilft, seine Mitarbeiter auszubeuten? Eine steile ideologische These vertreten zwei Autoren in der aktuellen Ausgabe 3/16 der Zeitschrift OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching. Die Instrumentalisierung kann man in Frage stellen. Mit gutem Grund und anerkannten „Zeugen“ wie ich im Post auf „MWonline“ ausführlich dargelegt habe.

Arg dramatisierte Darstellung …

Die Autoren des aktuellen OSC-Beitrags „Coaching im Dilemma von Psychopolitik und Selbstbefreiung“, Frank Schmelzer und Jana Löffler, beziehen sich auf ein Buch von Bjung-Chul Han (2014), dessen Lehren sie aufs Coaching anwenden. Dazu wird zunächst einmal didaktisch eine Fallgeschichte (Herr F.) präsentiert. Ein Coaching-Kunde, der kurz vor dem Burn-out ins Coaching kommt und blind dafür ist zu erkennen, wie er sich selbst mit seinen Leistungsansprüchen und dem „Sog der Selbstverwirklichung“ fertig macht. Zuhause weinen derweil Frau und Kinder …

… dafür fehlende Tiefe …

Sicher mag es solche Fälle gegen, sie aber zum Normalfall zu generalisieren, geht entschieden zu weit! Und solches funktioniert selbstverständlich nur, wenn man nötige Definitionen und Differenzierungen nach Kräften unterlässt. Ebenfalls die qualifizierte Bezugnahme auf die ja nun nicht neue Debatte. So stellten uns schon gegen Ende des letzten Jahrtausends sowohl Günter Voß und Hans Pongratz das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ als auch Richard Sennett den „flexiblen Menschen“ (im Original: The Corrosion of Character) vor. Vom breiten Publikum bejubelt, zerpflückte die wissenschaftliche Kritik doch deren Thesen als arg populistisch (Kuda & Strauß, 2002).

Loebbert (2016). Coaching TheorieIch rate statt dessen die Lektüre von Robert Musils epochalen und immer noch lesenswerten Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1943) an – dieses Werk ist fürs Coaching allemal anregender und zudem älter als Heinz von Foersters ethischer Imperativ: Vermehre die Möglichkeiten. Ebenfalls verweise ich auf anerkannte Coaching-Definitionen und Ethikkodices von Coaching-Verbänden: Dort steht in der Regel die Autonomie des Klienten im Vordergrund! Michael Loebbert stellt in seinem Buch „Coaching-Theorie“ auch sehr klar die Autonomie – die Wahrung und Vermehrung derselben – ins Zentrum seiner Überlegungen.

… bloß wohlfeiles Räsonieren

Natürlich besteht allgemein eine Gefahr der Instrumentalisierung von Coaching. Da sollte man nicht wegschauen. Doch die Perspektive sollte dahin ausgerichtet werden, wo es konkret werden kann: In den einzelnen Unternehmen – und nicht „intergalaktisch“. Unsere OSC-Autoren bauen nur einen Popanz auf, um anschließend genüsslich auf ihn einzudreschen. Ein durchschaubares und letztlich langweiliges Spiel.

Deutschland sucht den Super-Coach

XING hat der Coaching-Branche einen Bärendienst erwiesen, denn das Social Network sucht den Super-Coach. Und das geht so: In der Datenbank bei XING-Coaches tummeln sich in zwischen über 137.000 sog. Coaches. Was für eine Inflation! Vor nicht allzu ferner Zeit hat die Marburger Coaching-Marktstudie noch von ca. 8.000 Coaches gesprochen. Und ein Coaching-Premiumverband wie der Deutsche Bundesverband Coaching (DBVC) versammelt derzeit gerade einmal 361 Mitglieder.

„Das Hunderennen ist eröffnet“

Jetzt ruft XING-Coaches seine Mitglieder zum Ranking auf: Kennen Sie gute und professionelle Coaches? Dann geben Sie Ihre Stimme ab und tragen Sie so zur Qualitätssicherung im Coaching-Markt bei. „Das Hunderennen ist eröffnet“, habe ich das für MWonline kommentiert.

Affektlogik: Wut-Hass-Spiralen

Ciompi & Endert (2011). Gefühle machen GeschichteBitter, wenn man so schnell von der Wirklichkeit (den Anschlägen in Brüssel) eingeholt wird … Am Abend vorher erst war mein Post bei MWonline erschienen. Ich muss zugeben, es hat etwas gedauert, bis ich Zeit fand, das Buch von Luc Ciompi & Elke Endert zur Affektlogik zu lesen. Es handelt von Wut-Hass-Spiralen als der Basis der Gewalt.

Verstehen und widerstehen

Die Ausführungen und die symmetrische Eskalation der Gewalt sind einleuchtend. Es bedeutet trotzdem eine Herausforderung für uns, sich nicht mitreißen zu lassen. Zum Verstehen sollte auch gehören, sich einzugestehen, dass wir unseren gesellschaftlichen Integrationsjob in der Vergangenheit nicht erfolgreich erledigt haben.

Übrigens habe ich mich an das Buch von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ – und natürlich an das Vorwort von Jean-Paul Sartre – erinnert; aber das wäre ja noch einmal eine ganz andere Geschichte.