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Wie Digitalisierung den Coaching-Markt verändert

Wenn Digitalisierung und Coaching in einem Satz zusammen treffen, denken viele zunächst an coachende Roboter, die den Profi ersetzen sollen. Das ist aber nur ein Aspekt unter anderen. Dr. Thomas Bachmann und Dr. Beate Fietze beschreiben in ihrem lesenwerten aktuellen OSC-Beitrag weitere Konsequenzen. So verändert die Digitalisierung (u.a.) auch den Coaching-Markt.

Was da auf die Branche zukommt, konnte man erahnen, als Xing plötzlich Xing-Coaches gründete: Statt der bislang angenommen 8.000 Coaching-Profis waren nun plötzlich  138.000 im Markt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Beispielsweise, dass eventuell gar mancher, der nicht „bei drei auf den Bäumen war“, kurzerhand zum Coach „befördert“ wurde. Oder dass sich unter der Masse wohl auch Studenten, Hobbypsychologen oder schräge Zeitgenossen befinden könnten.

Xing betrachtet seine riesige Datenbank als Telefonbuch, das es zu vermarkten gilt. Hier kommt der Akteur nicht von der fachlichen, sondern von der (markt-)technischen Seite. Der Techniker digitalisiert alles, was sich digitalisieren lässt, ob es sinnvoll ist oder nicht, wenn es sich verkaufen lässt. Neben Xing gibt es inwischen etliche weitere Broker auf dem Markt, die sich zwischen Anbieter und Nachfrager schieben: bettercoach.de, coachfox.com, coachimo.de oder coach.me. Jüngst erst ist die Haufe-Gruppe bei klaiton.com eingestiegen.

Coaching wird zum Produkt degradiert

Und dafür gibt es Gründe. Beide Marktseiten haben das Problem, zueinander zu finden. Denn Coaching ist eine Dienstleistung, kein Produkt. Coaching ist ein Vertrauens- und Erfahrungsgut. Darauf hat u.a. Peter-Paul Gross hingewiesen, dem wir die Marburger Coachingmarkt-Studie verdanken. Die klassischen Mitgliederverzeichnisse, die die Verbände online anbieten, sind unzureichend. Die Schwierigkeiten und die Unsicherheit eines Machtings, suggerieren die neuen Plattformen, sollen – beiden Seiten – genommen werden. Durch einen Algorithmus.

Wenn dieses Wort fällt, klingt das für mich verdächtig nach Voodoo, nach gewaltigen Versprechungen. Auf dem Markt der Personalauswahl findet dieses Black-Box-Modell immer wieder Zulauf: Weil es Personalern an Wissen fehlt und sie deshalb überfordert sind. Die DIN 33430, die es besser weiß, kann man sich dann sparen. In die Black-Box will man gar nicht rein schauen, man macht lieber die Nummer mit den Fähnchen.

So also auch beim Thema Coaching, das so zum Produkt degradiert wird. Nach dem Motto: „Ich war gerade beim Friseur. Gefällt Dir meine Frisur? Willst Du sie mal tragen? Hier, probiere sie doch mal an!“ Oder der Personaler zum Coach: „Müller tut’s nicht mehr. Können Sie den mal reparieren? Wann kann ich ihn wieder abholen?“ Coaching als Produkt.

Dienstleistungen sind  jedoch Koproduktionen, die Leistung des Coachs kann man nicht isolieren. Aber genau solches wird hier suggeriert: Modell „Autowerkstatt“, Herr Müller bekommt eine neue Lichtmaschine und einen Motivationsölwechsel.

Coaching-Markt: From hunting to farming

Ob die Makler wissen, was sie da maggeln und nach welchen Kriterien? Wer weiß? Aber sie beackern einen Markt, sie sammeln sich da eine prächtige Herde zusammen, all das soll Ertrag bringen, sonst würde man es nicht machen. Dabei handeln die Makler mit nicht unerheblichen Datenmengen über Coaches, über Mitarbeiter, über Unternehmen. Da könnten einen gelegentlich Zweifel plagen: Ob das sicher ist/bleibt? Wo gehen die Daten hin? Was kann man noch damit anstellen jenseits der primären Nutzung? Und sind die Daten echt oder fake? Was bedeutet eine schlechte Bewertung des Coachs durch den Klienten? Das dieser schlecht ist? Oder dass sich ein Klient dafür rächen wollte, dass der Coach ihn auf seinen wunden Punkt hingewiesen hat? Den Zahlen sieht man den Unterschied nicht an, ob Äpfel und Birnen in den Topf geworfen wurden.

Bachmann und Fietze verweisen auf einen weiteren, gravierenden Punkt: „Die Mediatisierung der Professionen bedroht (…) ihre Autonomie und Deutungsmacht, das Herzstück der Professionen“ (S. 284). Wofür braucht man noch Verbände, wofür Kongresse, Supervision, Wissenschaft, Ethik? Professionalität definieren dann kommerzielle Anbieter. Deren Interessen sind kommerziell. „Wahr“ wird dann, was die Kasse füllt. Wohin das führen kann, konnte man erst jüngst am Beispiel des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) erleben: Man lädt einen Scharlatan als Keynote-Speaker ein, weil der die Massen zieht, die dann die Kassen füllen.

In den Worten von Bachmann und Fietze: „Was ein gutes Buch ist, bestimmt der amazon-Verkaufsrang und nicht das Literarische Quartett; einen guten Gastgeber erkennt man an den Bewertungen bei airbnb und die „Wahrheit“ daran, wie oft ein Beitrag auf facebook geteilt wurde“ (S. 286).

Zurück zum Coaching:

  • Dr. Christopher Rauen, der 1. Vorsitzende des DBVC, betreibt als Unternehmer die coachdatenbank.de
  • Oliver Müller, Gründer und Vorstandsmitglied bis 2010 des DCV, fungiert bei bettercoach.de als Berater für die Qualitätssicherung
  • Die ICF unterstützt coachfox.com

Jetzt könnte man argumentieren, besser man mischt da mit, als dass man außen vor bleibt und andere das Geschäft betreiben. Doch die Frage nach dem „Herzstück der Professionen“ (Bachmann & Fietze) bleibt weiter offen – und diskussionswürdig.

Forschungskongress: Coaching meets Research

Das waren wieder anregende Kongresstage im Juni auf dem 5. Internationalen Forschungskongress „Coaching meets Research“ an der FHNW in Olten (Schweiz). Wie vor zwei Jahren  waren Organisation und Moderation perfekt. Die Mischung an Formaten und Themen ließ keine Langweile aufkommen. Als Biennale der Coaching-Szene bietet die Veranstaltung die Möglichkeit zum Austausch, zum Netzwerken und zum Blick über den Tellerrand.Forschungskongress Coaching meets Research 2018 in Olten (Schweiz)

Die Themen „Organisation, Digitalisierung und Design“ standen auf dem Kongress im Vordergrund. Und damit vor allem die Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt sowie die daraus resultierenden Herausforderungen an Coaching und die Coaches. Eine bemerkenswerte Stimme aus der abschließenden Podiumsdiskussion: ZHAW-Forscher Professor Hansjörg Künzli warnte, jeden Tag würden neue Beratungsangebote von Selbsthilfegruppen im Internet aufgemacht, in der Psychotherapie sei „online“ lange schon angekommen, die Wirksamkeit sei mit der „Offline“-Form definitiv vergleichbar, deshalb dürften etablierte Coaches den neuen Herausforderungen nicht vornehm aus dem Weg gehen. – Ganz meine Meinung!

Der wissenschaftliche Fortschritt, das zeigte sich, bewegt sich inzwischen in gutem, breitem Fahrwasser. Die Diskussions- und Kooperationskultur funktioniert. Keine Frage, dass ich in 2020 wieder dabei sein will.

Hier mein ausführlicher Bericht für Coaching-Report.

Coaching mit digitalen Medien

Es war ein Fortschritt für die Branche, dass sich der Erdinger Coaching-Kongress 2016 dem Thema Virtuelles Coaching widmete. Inzwischen liegt nun der um zusätzliches Material angereicherte Kongressband vor. Eine beachtenswerte Bestandsaufnahme zum Thema. Den Herausgebern gebührt Dank dafür.
Allerdings – das hatte ich nach anfänglicher Lektüre schon gemutmaßt – war ich im Zweifel, ob das Buch die konzeptionelle Flughöhe gewinnen würde, die ich mir so vorstellte. Meine Zweifel wurden leider nicht zerstreut, so bedauere ich nun in meiner Rezension für das Coaching-Magazin (Online-Vorabveröffentlichung). Erst nach etwa hundert Seiten  ist es soweit:  Gegen Ende des großen zweiten Blocks „Beispiele für Coaching-Online-Plattformen“ – mit dem hervorragenden Beitrag von Elke Berninger-Schäfer und Kollegen über die Eigenentwicklung „CAI® World“. Davor und danach findet sich eine heterogene Sammlung von Beiträgen. Ein Panoptikum, so schillernd wie viele Veröffentlichungen zum Thema Coaching insgesamt: Grenzen sind unscharf – alles ist Coaching, auch wenn es vielmehr Training oder E-Learning ist. Auch der Reflexionsgrad ist recht unterschiedlich: Vom naiv Euphorischen bis zum kritisch Differenzierten.

Eine wichtige Etappe, aber kein Grund zum Ausruhen

Das Buch ist eine wichtige Etappe, aber kein Grund zum Ausruhen, so mein Fazit. Daher freue ich mich jetzt schon auf die Lektüre des neuen Buchs von Elke Berninger-Schäfer Online-Coaching und hoffe, dass ich bald Zeit zum Lesen finden werde. In der Tat, finde ich, sollte man das Feld nicht den quirligen, konzeptionell aber oft unbedarften Akteuren überlassen. Es ist höchste Zeit für die Etablierten, die Hausaufgaben zu machen und das Feld aktiv selbst zu gestalten.

Pflege des Coaching-Images

Image hat weniger mit Fakten als mit subjektiven Einschätzungen zu tun. Nicht was man oder frau selbst über sich denkt, ist relevant, sondern was sich marktseitig spiegelt. Der Aufbau und die Pflege des Coaching-Images ist für Beratungsdienstleistungen extrem relevant, denn Coaching ist eine Dienstleistung und somit ein Vertrauensgut, habe ich gerade in der aktuellen Ausgabe der schweizerischen Zeitschrift bso-Journal (1/18) resümiert: Spieglein, Spieglein an der Wand …

Image hilft vor allem beim Auswahlprozess. Das ist nicht trivial … Klappern gehört zwar zum Handwerk. Aber „richtig“ klappern sollte man können. Es soll nicht aufdringlich sein, aber auch nicht zu bescheiden. Ich habe einmal die Markenpsychologie für die Fragestellung quer gelesen: Gutes Image hat nicht zuletzt auch einen protektiven Wert.

Download: >> Beitrag im bso-Journal (1/18)

Online-Coaching mit Avataren?

Deutsche Coaches halten nicht viel von Online-Coaching, dass hat Jörg Middendorfs Coaching-Umfrage Deutschland 2016 sehr klar heraus gearbeitet. Das mag einerseits einer überheblichen Grundhaltung entspringen, die sich teilweise auch aus Unkenntnis speist. So glaube ich, befindet sich das Gros der etablierten Coaches auf dem medienpsychologischen Stand der 1980er Jahre (Stichwort: Kanalreduktion). Andererseits gibt es auch abschreckende Praxisbeispiele wie dieses Video eines virtuellen Coachings mit Shailia Stephens-Würsig (technologische Basis: TriCAT Spaces). Da stellen sich einem zu Recht die Nackenhaare auf!

So war es sicher ein Fortschritt für die Branche, dass sich der Erdinger Coaching-Kongress 2016 dem Thema Online widmete und dabei Sonnen- wie Schattenseiten virtuellen Coachings heraus arbeitete. Inzwischen ist der Kongressband erschienen, der die Tagungsbeiträge dokumentiert und um weiteres Material anreichert. Doch rückblickend betrachtet mein erster Eindruck beim Reinlesen: überholt … und teilweise altbacken. Es reicht einfach nicht, olle Kamellen der Sorte Marshall McLuhan aufzuwärmen oder mit einer schrägen und unpassenden Differenzierung zwischen Basismedien und Problemlösungsmedien zu hantieren. Das führt nicht weiter, sondern in die Irre. Ich werde meinen ausführlichen Kommentar zum Buch sicher noch schreiben, aber eins scheint mir heute schon wichtig zu sagen: Liebe KollegInnen, macht Eure Hausaufgaben, greift zum medienpsychologischen Lehrbuch! Sonst wird Online-Coaching ohne Euch stattfinden …

Avatare können inzwischen in Echtzeit interagieren

Dabei ist es absolut bemerkenswert, was sich in der Praxis schon abzeichnet. Ich habe schier Bauklötze gestaunt, als ich auf SimCoach gestoßen bin. Das US-amerikanische Militär hat (u.a.) ein Problem: Viele Veterane (z.B. Afghanistan) leiden am Posttraumatischen Belastungssyndrom – holen sich aber kein Hilfe. Die Konsequenz: viele Suizide. Was kann man also machen, um den Leuten ein niedrigschwelliges Angebot zu machen, das ihnen hilft, sich zu orientieren und nach Möglichkeit professionelle Hilfe zu suchen? SimCoach ist ein solches Angebot. Man kann dort anonym mit einem Avatar in Kontakt treten, der eine Hilfestellung anbahnen kann.

Doch das war erst der Anfang! Die Weiterentwicklung der Software kann Emotionen erkennen und adaptiv auf Klienten eingehen, wenn diese sich in den Video-Chat begeben. Schließlich haben die meisten Laptops, Tablets etc. heute eine eingebaute Kamera. Sie glauben nicht, das das funktioniert? Den Exkurs zum Altmeister der Emotionspsychologie Paul Ekman spare ich mir an dieser Stelle: Es funktioniert!

3D-Umgebung für Bewerbungstrainings

Das können nicht nur die Amis, inzwischen wird solches auch in Deutschland genutzt. So hat im Rahmen des BMBF-Forschungsschwerpunkts InterEmotio das Projekt EmpaT eine interaktive 3D-Trainingsumgebung für Bewerbungsgespräche erforscht und entwickelt. Das erlaubt Personen, die eigenen sozialen und emotionalen Fähigkeiten in einem interaktiven Dialog mit virtuellen Avataren einzuschätzen und zu verbessern.

DFKI: Mehrkanal-Signal-Klassifikation für die Erkennung affektiver Signal-Sequenzen in EchtzeitDenn Bewerbungssituationen sind für Bewerber wie für Interviewer schwierige, hoch-emotionale Situationen. Die einen haben die Aufgabe, einen positiven Eindruck aufzubauen. Die andere Seite muss sich flexibel auf unterschiedliche Typen einstellen und das Bewerbungsgespräch zielorientiert führen. Das Softwaresystem des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) leistet die Echtzeit-Analyse sozialer Signale (Sprache, Mimik, Gestik und Körperhaltung), so dass sich das Verhalten des Trainingsavatars flexibel an die individuelle sozio-emotionale Situation des Bewerbers anpassen kann. Dahinter liegt ein neu entwickeltes Benutzermodell für Emotionen (MARSSI: Model for Appraisal, Regulation and Social Signal Interpretation). Ausgehend von typischen Mensch-Mensch-Interaktionen wurden Mehrkanal-Signal-Klassifikatoren gelernt, die die Erkennung affektiver Signal-Sequenzen in Echtzeit erlauben.

Die Systeme werden immer besser – und die Coaches?

Inzwischen wurden 22 Akzeptanz- und Evaluationsstudien durchgeführt. EmpaT, so zeigen erste Studien, ist besser als die klassische Vorbereitung auf Job-Interviews (Angstreduktion, Körpersprache, Interviewperformance). Natürlich wird hier noch weiter geforscht und menschliche Coaches sind noch lange nicht überflüssig. Doch die Coaches, die in diesem Kontext – auch in Zukunft noch – einen Mehrwert bieten wollen, müssen nicht nur Meister der Kommunikation sein, sie müssen sich auch auf der Höhe der Zeit befinden was Emotionspsychologie sowie Medienkompetenz betrifft und dürfen keine Scheu haben, mit IT-Experten zu kooperieren.

Insofern bin ich sehr gespannt auf die weitere Entwicklung. So steht der diesjährige DBVC-Kongress unter dem Motto Business Coaching – The Next Level. Absolut gespannt bin ich auf das in Kürze erscheinende Buch „Online-Coaching“ von Elke Berninger-Schäfer. Einen Vorgeschmack gibt das Interview mit ihr in der aktuellen Ausgabe 1/18 des Coaching-Magazins.

Die systemische Haltung

Manche Coachs antworten auf die Frage, was ihre systemische Ausrichtung charakterisiere, dies würde sich in ihrer Haltung zeigen. Das mag vielleicht stimmig sein, ersetzt aber für den neugierigen Kunden bloß ein Wort durch ein anderes, wenn es nicht entsprechend kundig ausgeführt wird.  Was also kennzeichnet eine systemische Haltung?

In der Literatur findet man häufig edle Attribute aufgezählt:

  • die Autonomie des Kunden wahrend
  • Respekt zeigend
  • empathisch sein
  • authentisch sein
  • auf jeden Fall die gemeinsame Augenhöhe einhaltend
  • und ggf. noch Weiteres

Erst in konkreten Situationen zeigt sich Haltung

Das mag richtig sein, bleibt aber oft blutleer, weil es zunächst bloß ein Versprechen ist. Da Coaching eine Dienstleistung ist, man also im Vorhinein niemals sicher sein kann, was man in der konkreten Situation bekommt, ist man erst im Nachhinein schlauer. Und manchmal leider auch enttäuscht – wie ich schon einmal an einem Beispiel dargelegt habe.

Mechthild Erpenbeck hat ein Buch zur systemischen Haltung veröffentlicht, das nun genau dieses Versprechen im Vorhinein für Klienten offenbar macht, indem sie es an konkreten Beispielen transparent macht: Wirksam werden im Kontakt. Es ist ein schönes Lesebuch, das ihre Coaching-Praxis lebendig ausleuchtet und ihre professionelle Haltung verständlich und nachvollziehbar werden lässt. Ich habe es gerne gelesen und es daher auch lobend aktuell im Coaching-Magazin rezensiert. Download: »» Beitrag in CM 3/17

Ist Positive Psychologie negativ?

Das Editorial der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (3/17) von Claudia Harzer und Heidi Möller finde ich eher verwirrend als klärend. Claudia Harzer bemüht sich, Positive Psychologie nicht gegen die Negative Psychologie (den Rest) auszuspielen. „So ist das Label ‚Positive Psychologie‘ nicht gemeint. Es soll betonen, dass die Perspektive bewusst nicht defizitorientiert ist“ (S. 247).

Man kann es sich auch schwerer machen als es ist, finde ich! Indem man sich wie – Claudia Harzer –an einer doppelten Verneinung verrenkt. Selbstverständlich ist positive Psychologie eine politische Kategorie! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der mit dem Namen Seligman reflexhaft und ausschließlich das Konzept der erlernten Hilflosigkeit assoziiert wurde. Die Mainstream-Psychologie war über viele Jahrzehnte in großen Teilen tatsächlich defizitorientiert. Man erinnere sich nur einmal an die Kampagne zur Humanisierung der Arbeitswelt (ab 1974 bis in die späten 80er-Jahre). Aber nicht nur im Bereich der Arbeits- & Organisationspsychologie war das so. Der Therapieboom seit den 1960er-Jahren und sein enormer Widerhall in der Psychologie hatte – ich übertreibe einmal etwas – die Heilung des Individuums von seinen psychopathologischen Krankheiten zum Ziel; und manchmal schwappte das sogar weit ins Religiöse über.

Positive Psychologie als Paradigmenwechsel

Der Wandel, den Seligman und andere dann in den späten 1990er-Jahren vollzogen, ist insoweit definitiv paradigmatisch: Michael Tomoff fasst das in seinem lesenswerten Essential so zusammen: „All die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Psychologie zwei ihrer drei Missionen vernachlässigt. Während sie den Fokus auf

  1. die Heilung mentaler Krankheiten gelegt hatte, hatte sie sowohl verpasst,
  2. andere Menschen zu einem erfolgreicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen als auch
  3. ihre großen Talente und Begabungen zu identifizieren und zu fördern“ (Tomoff, 2015; S. 4).

Ein weiteres Beispiel mag dies ebenfalls unterstreichen: Wilmar Schaufeli erläutert im Interview mit mir, wie er den U-Turn vom Burnout-Forscher (und engem Kollegen von Christina Maslach) zum Work-Engagements-Forscher vollzog. Es beißt da keine Maus einen Faden ab: Bei der „Positiven Psychologie“ handelt es sich um einen klassischen, überfälligen Paradigmenwechsel der Psychologie! Dieser hat uns u.a. die Gesundheitspsychologie beschert, die heutzutage niemand mehr missen möchte, und zwar ohne die Klinische Psychologie abzuschaffen.

Handzahm und defensiv – muss das sein?

Nun hätten die beiden Kolleginnen das Editorial nutzen können, um den negativen Spuren in Organisationsberatung, Supervison und Coaching nachzuforschen. Von denen scheint es doch so einige zu geben, wie bspw. dieser noch recht frische Beitrag von Frank Schmelzer und Jana Löffler in besagter Zeitschrift OSC (3/16). So hätte man selbstkritisch über die eigene politische Voreinstellung reflektieren und über ein mehr oder weniger offensichtliches, teilweise verbrämtes Helfersyndrom diskutieren können. Hätte man – es findet aber nicht statt.

Warum so zahm? Fürchtet frau den Vorwurf der Nestbeschmutzung? Was weiter verwundert, ist, dass Editorin Claudia Harzer so defensiv gegenüber ihrer Mit-Editorin Heidi Möller argumentiert, die – wie man sie kennt – gerne auch mit grobem Klotz und Keil hantiert und hier nichts anderes als die alten „negativ-psychologischen“ Vorurteile auftischt: „Freud sprach davon, durch die analytische Kur neurotisches Elend in allgemeines Leid zu wandeln“ (S. 248). Was für eine Vorlage! Doch Claudia Harzer macht nichts draus, verteidigt positive Psychologie stattdessen: Positive Psychologie sei nicht als „Happiology“ (Immer nur lächeln; Lehár) misszuverstehen. Schwache Argumentation! Haben nicht vor Kurzem erst Gerhard Roth & Alica Ryba in ihrem Buch die Psychoanalyse nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert? Heidi Möller lehnt sich trotzdem weit aus dem Fenster … Immer nur lächeln – oder Pfeifen im Walde?

Ich bin schon gespannt auf die restlichen Beiträge dieser OSC-Ausgabe.

Mein Supervisor ist jetzt auch Coach?

Jahrelang hat die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv) mit der Coaching-Branche gehadert. In einer Stellungnahme („Das Ende eines unerklärlichen Unterschieds“) erklärte sie 2011 den Unterschied zwischen Coaching und Supervision einseitig für obsolet. Zur Überraschung einiger Beobachter änderte die DGSv dann im Jahr 2016 ihren Namen in Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching e.V. und firmiert seitdem gleichfalls als Coach-Verband. Aktuell verkündet nun die DGSv in ihrem Dossier (Thema: Mein Coach ist Supervisor/in): „Coaching wie es die DGSv versteht, wird jetzt am Maß der Supervision gemessen“.

Na, da mag sich doch der Eine oder die Andere die Augen reiben … Ich persönlich hatte mir den Unterschied bislang so erklärt: „Einen nicht unwesentlichen Unterschied zwischen beiden bildet der verschiedenartige Tätigkeitsrahmen: Profit- vs. Non-Profit-Bereich (wirtschaftliche und – vor allem – kulturelle Rahmenbedingungen). So wird der Supervision seitens des Coachings gerne ‚Wirtschaftsfeindlichkeit‘, dem Coaching seitens der Supervision entsprechend ‚Wirtschaftshörigkeit‘ vorgeworfen“ (S. 6). So schmunzele ich. Und mutmaße, die alte Narbe schmerzt noch immer …

Verbandspolitik versus Wissenschaft?

Allerdings wundert mich, dass die DGSv in ihrem aktuellen Dossier einen weiteren Unterschied markiert, nämlich den zwischen Verbandstätigkeit und Forschung: „Für die Wissenschaft ist eine systematische Unterscheidung von Supervision und Coaching wichtig“. Soll man sich dabei nun denken, dass es diesen Unterschied offenbar gibt, der Verband ihn aber beliebt zu ignorieren? Ein Schelm, der solches unterstellen würde?

Noch verwunderlicher scheint mir aber, was dann im Anschluss an den Dossier-Einleitungstext an „Forschungsliteratur“ angeführt wird – offenbar als Service für die Mitglieder gedacht. Beispielsweise die Veröffentlichung von Jansen, Mäthner & Bachmann aus dem Jahre 2003. Schöner Text seinerzeit, aber inzwischen doch arg überholt. Thomas Bachmann – und etliche andere – haben seitdem deutlich Weiterführendes veröffentlicht. Dies trifft auch auf den Text von Möller & Kotte aus dem Jahre 2011 zu. Beide Autorinnen und zwei weitere haben im Jahr 2016 in derselben Zeitschrift ein Update veröffentlicht: „Der Stand der Coachingforschung“. Auch ein Beitrag von Romina Henle aus dem Jahre 2009 zum Thema Coach-Pools erscheint mir doch aufgrund der verstrichenen Zeit nicht mehr sonderlich aktuell zu sein.

So mag man sich fragen, welcher mit der Coaching-Forschung intim Vertraute mag wohl diese illustre Liste verfasst haben? Und zu welchem speziellen Zweck? Etwa dem, die Lufthoheit beim Thema Coaching zu reklamieren?

Und dann ist mir aufgefallen, dass die beiden Beiträge aus der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (Jansen et al. sowie Möller & Kotte) auf der DGSv-Website im Volltext präsentiert werden. Auf der offiziellen Website des Verlags hingegen sind sie zahlungspflichtig.

„So viele Berichte. So viele Fragen“, resümiert Bert Brecht zum Schluss seines Gedichts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ (Vers 27 – 28). Ich bin gespannt auf Antworten.

Rollenkonflikt: Chef als Coach

Bei der Anfrage konnte ich natürlich nicht kneifen: Zum Thema habe ich mich ja schon öfters kritisch zu Wort gemeldet. Jetzt wollte Nicole Bußmann, Chefredakteurin von managerSeminare, nicht nur wissen, warum ich das Konzept Chef als Coach als Rollenkonflikt grundsätzlich ablehne. Ich sollte Führungskräften doch bitte schön einmal konkret an Beispielen aufzeigen, was das Problem damit im Führungsalltag sei.

Zudem sollte ich trotz meiner Vorbehalte den Führungskräften aufzeigen, ob und wie sie von einer coachenden Haltung profitieren könnten. Das können sie natürlich zweifellos, so meine Antwort in der aktuellen Mai-Ausgabe, indem sie sich im Zuhören üben, im Fragen, im Einnehmen einer Metaperspektive und darin, Komplexität und Dynamik zu respektieren.

Chef als Coach: Spagat mit Verletzungsrisiko

Nur Coach im eigentlichen Sinne – das ist unverhandelbar – können und sollen Führungskräfte eben nicht sein. Weil der Rollenkonflikt unlösbar ist. Ich denke, es wäre viel fürs Miteinander im Unternehmen gewonnen, wenn sich die Risiken und Nebenwirkungen einer vermeintlich einfachen Lösung verstärkt herum sprechen würde. Und Führungskräfte das Verletzungsrisiko beim Spagat erkennen würden. „Führungskräfte sollen führen. Und Coaches sollen coachen,“ sagte Coaching-Pionier Dr. Wolfgang Looss schon vor etlichen Jahren. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Coaching-Studium

In der Tat ist das eine wichtige und schlaue Frage:  Kann man Coaching studieren? Und die nächste folgt sogleich: Was ist in denn in einer Weiterbildung anders als im Coaching-Studium? Und so fragen mich meine Studierenden zum Semesterende regelmäßig: Jetzt sagen Sie mal, soll ich gleich eine Coaching-Weiterbildung auf den Kurs aufsetzen oder erst einmal in den Job gehen, Berufserfahrungen sammeln und dann ggf. später eine Coaching-Weiterbildung drauf setzen?

Meine Antwort ist seit Jahren die gleiche: Die Weiterbildung wäre m.E. eine ideale Ergänzung z.B. für Wirtschaftspsychologen, die sich auf Personal- und Organisationsentwicklung spezialisiert haben. Wenn einen dann noch das Thema fasziniert und man spürt, dass man dafür ein Händchen hat: go for it! Ich bin sicher, dass es die Chancen bei Personalern erhöht. Natürlich nur, wenn man nicht eine billige „Druckbetankung“ absolviert hat, sondern eine qualitativ hochwertige Weiterbildung.

Es schadet aber auch nicht, erst ins Berufsleben einzusteigen und sich anschließend
im Coaching weiterzubilden. Dann verfügt man über eigene Erfahrungen, die man reflektieren kann, und hat vermutlich auch ein eigenes Netzwerk als Marktzugang.

Was ist in einer Weiterbildung anders?

Diese Diskussionen zu führen und zu erleben, wie Studierende in Coaching-Sessions performen, hat mich ins Grübeln gebracht. Wenn man sich so anschaut, was Premium-Verbände wie der DBVC so an Anforderungen setzen und was Studierende auf die Beine stellen, könnte man sich fragen: Ob man da nicht Studien-Leistungen anrechnen kann?

Kann man – begründet! Deshalb bieten wir (Schwertl + Partner und die Business Academy Fresenius) jetzt Coaching-Weiterbildungen mit zwei Zugangswegen (Bachelor, Master) an, bei denen Studienleistungen angerechnet werden. Das ist für Studierende echt lukrativ, weil sie gegenüber marktüblichen Angeboten Zeit und Geld sparen.

Jetzt kommen (natürlich!) weitere Fragen:

  • Werde ich als junger Hochschulabsolvent überhaupt ernstgenommen?
  • Ist Lebenserfahrung nicht zwingend für eine wirkliche Coaching-Kompetenz?
  • Was ist in einer Weiterbildung eigentlich anders als im Studium?

Natürlich kann man Coaching studieren. Das haben Elke Berninger-Schäfer und ich schon im Jahr 2010 in einer Veröffentlichung konstatiert. Seitdem hat sich der Markt aber auch noch gewaltig entwickelt – wie Strikker & Strikker, aber auch Ebermann darlegen.

Was ist nun der Unterschied zwischen Studium und Weiterbildung? Antworten darauf gebe ich in Kürze im Coaching-Magazin (1/17; S. 33) unter der Überschrift „Häufig gestellte Fragen“ (erscheint am 22.2.17 in der Printausgabe).