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Bashing: Systemische Beratung

Da habe ich nicht schlecht gestaunt! Ich ließ mir das neue Magazin „changement“ vom Verlag (Handelsblatt) schicken. Beim ersten Durchblättern blieb mein Auge sogleich an einem Interview von Chefredakteur Martin Claßen mit Dr. Wolfgang Looss hängen: Allerweltsbegriff „systemisch“. Doch beim Lesen verdrehte ich sogleich die Augen, und schlug wenige Zeilen später nur noch die Hände über’m Kopf zusammen. Was für ein Bashing! Systemische Beratung wird von Looss undifferenziert  in die große Tonne gekloppt.

Kritik an der Bezeichnung „Systemiker“

Nun, Looss ist nicht der erste, der sich kritisch zum Thema systemische Beratung äußert. Im August diesen Jahres hatte Dr. Walter Schwertl eine Glosse mit ähnlichem Tenor in „Training aktuell“ publiziert. Beide argumentieren, „systemisch“ sei zu einer Marketing getriebenen Worthülse verkommen. Beide kritisieren die Bezeichnung „Systemiker“. Doch wo Schwertl Argumente liefert, wirft Looss alles undifferenziert in einen Topf und kippt dann als nächstes das Kind mit dem Bade aus.  Das hätte ich von ihm nicht erwartet. Denn ich schätze ihn sehr – gerade wegen seiner Erfahrung, seiner messerscharfen Analyse und auch seinem Engagement. Als Christopher Rauen und ich das Coaching-Magazin launchten, gehörte mein Interview mit dem Coaching-Pionier Looss dort zum „Starter-Kit“.

Da fügte es sich natürlich gut, dass ich Looss am vergangenen Wochenende auf der Mitgliederversammlung des DBVC traf. Auf sein Interview mit Claßen angesprochen reagierte er allerdings eher kurz angebunden und verwies auf zahlreiche schräge Websites der systemischen Szene. Im Weiteren haben wir uns dann vertieft und differenziert über Unterschiede zwischen den Kontexten Hochschule und Weiterbildung und den Konsequenzen für die Coaching-Professionalisierung unterhalten.

Warum das Kind mit dem Bade ausschütten?

Ich verstehe allerdings auch Martin Claßen nicht, warum er ein Interview mit diesem Tenor in die Startausgabe seines neuen Magazins aufnimmt. Claßen ist ein versierter und renommierter Unternehmensberater. Die „Change Management Studie 2010„, die er seinerzeit für „Capgemini Consulting“ angefertigt hat, habe ich nicht nur mit großem Interesse und Erkenntniszuwachs gelesen. Ich habe sie auch gleich meinen Studierenden als Leseempfehlung ans Herz gelegt. Sollten sich beiden Herren von der Überzeugung „only bad news are good news“ haben leiten lassen? Ich hätte ihnen dazu bestimmt nicht geraten. Seltsam auch, dass auf der zweiten Umschlagseite eine Anzeige erscheint, mit der die zum Urgestein der systemischen Beratung gehörende Dr. Barbara Heitger, Systemaufstellungsexperte Prof. Dr. Matthias Varga von Kibéd sowie eben Coaching-Pionier Dr. Wolfgang Looss gemeinsam zur Weiterbildung einladen.

Und man muss einfach dagegen halten: Unter dem Banner „systemisch“ mag  sich gar manches bunte bis zwielichtige Volk versammelt haben. Doch es gibt eben auch die Gegenbeispiele: Zu denen u.a. übrigens Dr. Walter Schwertl gehört, auch Professor Jürgen Kriz – und ich möchte mich ebenfalls dazu zählen.

Instrumentalisierung von Coaching im Kapitalismus?

Coaching als Instrument, das dem (kapitalistischen) Unternehmen hilft, seine Mitarbeiter auszubeuten? Eine steile ideologische These vertreten zwei Autoren in der aktuellen Ausgabe 3/16 der Zeitschrift „OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching”. Die Instrumentalisierung kann man in Frage stellen. Mit gutem Grund und anerkannten „Zeugen“ wie ich im Post auf „MWonline“ ausführlich dargelegt habe.

Arg dramatisierte Darstellung …

Die Autoren des aktuellen OSC-Beitrags „Coaching im Dilemma von Psychopolitik und Selbstbefreiung“, Frank Schmelzer und Jana Löffler, beziehen sich auf ein Buch von Bjung-Chul Han (2014), dessen Lehren sie aufs Coaching anwenden. Dazu wird zunächst einmal didaktisch eine Fallgeschichte (Herr F.) präsentiert. Ein Coaching-Kunde, der kurz vor dem Burn-out ins Coaching kommt und blind dafür ist zu erkennen, wie er sich selbst mit seinen Leistungsansprüchen und dem „Sog der Selbstverwirklichung“ fertig macht. Zuhause weinen derweil Frau und Kinder …

… dafür fehlende Tiefe …

Sicher mag es solche Fälle gegen, sie aber zum Normalfall zu generalisieren, geht entschieden zu weit! Und solches funktioniert selbstverständlich nur, wenn man nötige Definitionen und Differenzierungen nach Kräften unterlässt. Ebenfalls die qualifizierte Bezugnahme auf die ja nun nicht neue Debatte. So stellten uns schon gegen Ende des letzten Jahrtausends sowohl Günter Voß und Hans Pongratz das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ als auch Richard Sennett den „flexiblen Menschen“ (im Original: The Corrosion of Character) vor. Vom breiten Publikum bejubelt, zerpflückte die wissenschaftliche Kritik doch deren Thesen als arg populistisch (Kuda & Strauß, 2002).

Ich rate statt dessen die Lektüre von Robert Musils epochalen und immer noch lesenswerten Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1943) an – dieses Werk ist fürs Coaching allemal anregender und zudem älter als Heinz von Foersters ethischer Imperativ: Vermehre die Möglichkeiten. Ebenfalls verweise ich auf anerkannte Coaching-Definitionen und Ethikkodices von Coaching-Verbänden: Dort steht in der Regel die Autonomie des Klienten im Vordergrund! Michael Loebbert stellt in seinem Buch „Coaching-Theorie“ auch sehr klar die Autonomie – die Wahrung und Vermehrung derselben – ins Zentrum seiner Überlegungen.

… bloß wohlfeiles Räsonieren

Natürlich besteht allgemein eine Gefahr der Instrumentalisierung von Coaching. Da sollte man nicht wegschauen. Doch die Perspektive sollte dahin ausgerichtet werden, wo es konkret werden kann: in den einzelnen Unternehmen – und nicht „intergalaktisch“. Unsere OSC-Autoren bauen nur einen Popanz auf, um anschließend genüsslich auf ihn einzudreschen. Ein durchschaubares und letztlich langweiliges Spiel.

Resonanz auf meine Kritik an der Coach-Hitparade

Darüber habe ich mich sehr gefreut: Nicole Bußmann, Chefredakteurin von „Training aktuell”, zitiert meinen Blog-Post bei MWonline in ihrem kritischen Beitrag über die neue, in der Branche höchst umstrittene Coach-Hitparade von XING und Focus: Top-Coachs prämiert: Zweifelhafte Auszeichnung.

Verzögerte Reaktionen

Mein Posting ist schon ein paar Wochen alt. Ich hatte bislang den Eindruck, die Branche sei zunächst in eine Schockstarre verfallen. Jetzt kommt es zu umso heftigeren Reaktionen … Vielleicht Zeit für eine Wette über den weiteren Verlauf?

Systemtheorie für Coaches

Auf die Lektüre des Buchs von Jürgen Kriz „Systemtheorie für Coaches“ habe ich mich gefreut! Und ich wurde reich belohnt … Ich fühle mich nicht nur deutlich bestätigt im eigenen Ansatz, den ich in meinem Buch „Systemisches Coaching“ vertrete, sondern habe auch noch ein paar schöne Anregungen erhalten. Ein Zitat von Kriz mag vielleicht anregend sein: „Aufgabe des Coaches ist es also nicht, „einfach zu verstören“ (…), sondern solche Umgebungsbedingungen zu konstellieren, welche (…) Ordnungs-Ordnungs-Übergänge ermöglichen“ (S. 45).

Eine Rezension

Jürgen Kriz: Systemtheorie für Coaches: Einführung und kritische DiskussionDa konnte ich natürlich nicht anderes, als gleich eine Rezension zu schreiben 😉 Zu finden bei Amazon. Eine weitere, etwas gekürzte und angepasste Besprechung ist in der Ausgabe 4/16 des Coaching-Magazins erscheinen. Download:

Stand der Coaching-Forschung 2016

Die diesjährige Ausgabe der Kongress-Biennale „Coaching meets Research“ hat mir sehr gefallen. Dort konnte man einen guten Überblick über den Stand der Coaching-Forschung erhalten. Nun ist mein ausführlicher Tagungsbericht in der Ausgabe 3/16 der Zeitschrift „OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching“ erschienen. Ein kleiner Appetitanreger: „Wer den Kongress zum wiederholten Male besucht hat, könnte seine Eindrücke in diesem Jahr in wenigen – allerdings gehaltvollen – Stichworten zusammenfassen: Kontinuität, Konzentration, Konvergenz, Kongruenz.“

Außerdem finden sich in dieser Ausgabe …

… die ausführlichen Buchbesprechungen zum Thema „Führungskraft als Coach“, die in kürzerer Version schon bei MWonline erschienen waren.

Psychische Störungen und Coaching

Ich habe letztens erst mokiert, dass Coaches entweder nach dem Motto „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ gerne „präventiv“ ausschließen, sich mit psychischen Störungen zu beschäftigen. Oder im Gegenteil: Sie verharmlosen naiv oder dreist die Dinge nach dem Motto: Burnout – das ist doch unser täglich‘ Brot … Frederik Werner und ich hatten im Beitrag für das Coaching-Magazin die politische Forderung aufgestellt, das Thema psychische Störungen in die Curricula der Coaching-Weiterbildungen aufzunehmen.

Replik und Anregung

Leider haben sich die ersten Reaktionen auf unseren Beitrag (Leserbriefe) mit unserer politischen Forderung gar nicht befasst. Das hat uns doch sehr befremdet. Download der Replik: Beitrag in CM 3-16

Ina Riechert: Psychische Störungen bei Mitarbeitern Ein LeitfadenJetzt habe ich eine Bucherscheinung von Ina Riechert bei MWonline positiv besprochen. Ich empfehle sie als Basislektüre zum Thema psychische Störungen gerne. Es soll mal keiner behaupten, es gebe da nichts Passendes, der Aufwand sei unangemessen hoch oder das Thema außerhalb der eigenen Domäne: keine Ausreden mehr!

Coaching-Havarien

Er ist immer für Klartext zu haben: Dr. Walter Schwertl. Im Interview mit mir für das Coaching-Extraheft von „managerSeminare“ schildert er, was häufig zu Havarien von Coaching-Prozessen führt. Bspw. die – leider immer noch weit verbreitete – Meinung, ein Coaching sei so etwas wie die Hauptuntersuchung beim TÜV … Dort schicke man die unsicheren Kandidaten hin, um sie anschließend gleich wieder auf Vordermann zu bringen.

Mit Business-Coaching haben diese Vorstellungen jedoch nichts gemein

Neben falschen Erwartungen fehle oft aber auch eine entsprechende Vorbereitung: Wie wichtig eine gute Auftragsklärung für einen gelingenden Coaching-Prozess ist, kann man wohl immer noch nicht als selbstverständliches Grundwissen bei Einkäufern in Personalabteilungen voraussetzen. Als absolut fatale Maßnahme geißelt er die vordergründig pfiffige Idee, aus Unsicherheit um den Nutzen von Coaching einen Billiganbieter einzusetzen. „Wenn Organisationen Coachs wie Untergebene behandeln, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn sie an den dummen August geraten.“ Das schade nicht nur dem eigenen Unternehmen, sondern auch der Branche.

Wirksamkeit von Coaching – geht auch „zu gut“?

Seit Jahren hören wir, Unternehmen würden von Coaching sehr profitieren. So drängte sich schon fast der Eindruck auf: Dumm ist, wer es nicht nutzt. Doch es muss nicht immer gut sein, was gut gemeint war … Es kann auch negative Coaching-Wirkungen geben.

Katrin Oellerich wollte deshalb wissen – nachdem sich zuvor die Arbeitsgruppe um Professor Carsten Schermuly  mit den negativen Effekten von Coaching für Klienten oder die Coaches selbst beschäftigt hatte – welches Bild sich aus Unternehmensseite ergibt. Ihr wichtigstes Ergebnis: Alle von ihr interviewten Personen hoben hervor, dass die positiven Wirkungen von Coaching deutlich überwiegen, dass Coaching eine mächtige Maßnahme der Personalentwicklung ist.

„Fishermen’s Friend“

Manchmal wohl auch zu mächtig. Denn als zentrale negative Effekte nennen die befragten Führungskräfte und HR-Mitarbeiter, dass Coaching-Klienten sich zu stark entwickeln könnten. Das produziere dann Unruhe, Verunsicherung, Konflikte im Unternehmen – und sogar Kündigungen.

Tja, es reicht eben aus systemischer Perspektive betrachtet nicht aus, wenn sich nur einer entwickelt … „Fishermen’s Friend“ weiß, so mein Seitenhieb im Post bei MWonline: Sind sie zu stark, bist du zu schwach!

Coaching-Theorie. Eine Einführung

Michael Loebbert: Coaching TheorieIch habe ein wichtiges Buch gelesen: „Coaching-Theorie“ von Michael Loebbert. Am Ende meiner Besprechung in der Zeitschrift „OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching“ (1/16) werde ich auch deutlich: „Manchen Praktikern mag die Mühe des Denkens und der Auseinandersetzung zu anstrengend sein. Diese werden sich aber zunehmend fragen lassen müssen, ob sie professionelle Dienstleister sein wollen oder Dünnbrettbohrer.“

Da werden manche jetzt wieder giften 😉 Aber drunter geht nicht.

Deutschland sucht den Super-Coach

XING hat der Coaching-Branche einen Bärendienst erwiesen, denn das Social Network sucht den Super-Coach. Und das geht so: In der Datenbank bei XING-Coaches tummeln sich in zwischen über 137.000 sog. Coaches. Was für eine Inflation! Vor nicht allzu ferner Zeit hat die Marburger Coaching-Marktstudie noch von ca. 8.000 Coaches gesprochen. Und ein Coaching-Premiumverband wie der Deutsche Bundesverband Coaching (DBVC) versammelt derzeit gerade einmal 361 Mitglieder.

„Das Hunderennen ist eröffnet“

Jetzt ruft XING-Coaches seine Mitglieder zum Ranking auf: Kennen Sie gute und professionelle Coaches? Dann geben Sie Ihre Stimme ab und tragen Sie so zur Qualitätssicherung im Coaching-Markt bei. „Das Hunderennen ist eröffnet“, habe ich das für MWonline kommentiert.