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Systemische Psychologie – eine Rezension

Manchmal frage ich mich: Wer wohl die Grundlagenwerke systemischen Denkens tatsächlich gelesen haben mag? „Ökologie des Geistes“ von Gregory Bateson, „Der Baum der Erkenntnis“ von Maturana & Varela, „Soziale Systeme“ von Niklas Luhmann, „KybernEthik“ von Heinz von Foerster …

Dann packe ich mich an die eigene Nase und muss bekennen, alle habe ich auch noch nicht gelesen 😉 Aber doch so einige – und es war oft mit einiger Arbeit verbunden. Immer war es allerdings die Mühe wert und hat mein Verständnis erweitert.

Grundlagenwerk systemischen Denkens

So auch dieses Mal: Diese Lektüre war überfällig. Und auch hier wartete ein ordentliches Stück Arbeit auf mich. Was Guido Strunk und Günter Schiepek da zusammen getragen haben, ist schon eine stolze Leistung: Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme. Ich habe einmal eine Rezension gewagt.

Übrigens hat Arist von Schlippe vor einigen Monaten (2015) schon drei Richtungen systemischer Theoriebildung unterschieden, was vielleicht der Orientierung dienlich ist:

  • die Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme (Strunk & Schiepek; Kriz)
  • die Theorie sozialer Systeme (Maturana & Varela; Luhmann) sowie
  • narrative Theorien und sozialer Konstruktionismus (Gergen; White; Stelter).

Insofern schließt sich hier für mich der Kreis – oder ist es ein Grenzzyklus, ein Torus*) gar …?

*) Die Bahn des Mondes – um die Erde und zugleich um die Sonne – lässt sich als Torus beschreiben.

Ist Positive Psychologie negativ?

Das Editorial der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Organisationsberatung – Supervision – Coaching (3/17) von Claudia Harzer und Heidi Möller finde ich eher verwirrend als klärend. Claudia Harzer bemüht sich, Positive Psychologie nicht gegen die Negative Psychologie (den Rest) auszuspielen. „So ist das Label ‚Positive Psychologie‘ nicht gemeint. Es soll betonen, dass die Perspektive bewusst nicht defizitorientiert ist“ (S. 247).

Man kann es sich auch schwerer machen als es ist, finde ich! Indem man sich wie – Claudia Harzer –an einer doppelten Verneinung verrenkt. Selbstverständlich ist positive Psychologie eine politische Kategorie! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der mit dem Namen Seligman reflexhaft und ausschließlich das Konzept der erlernten Hilflosigkeit assoziiert wurde. Die Mainstream-Psychologie war über viele Jahrzehnte in großen Teilen tatsächlich defizitorientiert. Man erinnere sich nur einmal an die Kampagne zur Humanisierung der Arbeitswelt (ab 1974 bis in die späten 80er-Jahre). Aber nicht nur im Bereich der Arbeits- & Organisationspsychologie war das so. Der Therapieboom seit den 1960er-Jahren und sein enormer Widerhall in der Psychologie hatte – ich übertreibe einmal etwas – die Heilung des Individuums von seinen psychopathologischen Krankheiten zum Ziel; und manchmal schwappte das sogar weit ins Religiöse über.

Positive Psychologie als Paradigmenwechsel

Der Wandel, den Seligman und andere dann in den späten 1990er-Jahren vollzogen, ist insoweit definitiv paradigmatisch: Michael Tomoff fasst das in seinem lesenswerten Essential so zusammen: „All die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Psychologie zwei ihrer drei Missionen vernachlässigt. Während sie den Fokus auf

  1. die Heilung mentaler Krankheiten gelegt hatte, hatte sie sowohl verpasst,
  2. andere Menschen zu einem erfolgreicheren und erfüllteren Leben zu verhelfen als auch
  3. ihre großen Talente und Begabungen zu identifizieren und zu fördern“ (Tomoff, 2015; S. 4).

Ein weiteres Beispiel mag dies ebenfalls unterstreichen: Wilmar Schaufeli erläutert im Interview mit mir, wie er den U-Turn vom Burnout-Forscher (und engem Kollegen von Christina Maslach) zum Work-Engagements-Forscher vollzog. Es beißt da keine Maus einen Faden ab: Bei der „Positiven Psychologie“ handelt es sich um einen klassischen, überfälligen Paradigmenwechsel der Psychologie! Dieser hat uns u.a. die Gesundheitspsychologie beschert, die heutzutage niemand mehr missen möchte, und zwar ohne die Klinische Psychologie abzuschaffen.

Handzahm und defensiv – muss das sein?

Nun hätten die beiden Kolleginnen das Editorial nutzen können, um den negativen Spuren in Organisationsberatung, Supervison und Coaching nachzuforschen. Von denen scheint es doch so einige zu geben, wie bspw. dieser noch recht frische Beitrag von Frank Schmelzer und Jana Löffler in besagter Zeitschrift OSC (3/16). So hätte man selbstkritisch über die eigene politische Voreinstellung reflektieren und über ein mehr oder weniger offensichtliches, teilweise verbrämtes Helfersyndrom diskutieren können. Hätte man – es findet aber nicht statt.

Warum so zahm? Fürchtet frau den Vorwurf der Nestbeschmutzung? Was weiter verwundert, ist, dass Editorin Claudia Harzer so defensiv gegenüber ihrer Mit-Editorin Heidi Möller argumentiert, die – wie man sie kennt – gerne auch mit grobem Klotz und Keil hantiert und hier nichts anderes als die alten „negativ-psychologischen“ Vorurteile auftischt: „Freud sprach davon, durch die analytische Kur neurotisches Elend in allgemeines Leid zu wandeln“ (S. 248). Was für eine Vorlage! Doch Claudia Harzer macht nichts draus, verteidigt positive Psychologie stattdessen: Positive Psychologie sei nicht als „Happiology“ (Immer nur lächeln; Lehár) misszuverstehen. Schwache Argumentation! Haben nicht vor Kurzem erst Gerhard Roth & Alica Ryba in ihrem Buch die Psychoanalyse nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert? Heidi Möller lehnt sich trotzdem weit aus dem Fenster … Immer nur lächeln – oder Pfeifen im Walde?

Ich bin schon gespannt auf die restlichen Beiträge dieser OSC-Ausgabe.

Grundlagenwerk: Coaching und Neurobiologie

Unsere klassischen, tradierten Vorstellungen vom Funktionieren der Psyche – wie wir sie aus der Psychoanalyse oder auch aus der Verhaltenstherapie kennen – wurden durch enorme Fortschritte der Neurobiologie der letzten beiden Jahrzehnte radikal in Frage gestellt. Das hat sich zwar hier und da schon herum gesprochen, doch darf man getrost daran zweifeln, dass die Erkenntnisse auch in der nötigen Breite und Tiefe angekommen  sind – und entsprechende Konsequenzen eben auch im Coaching zeitigen konnten.

Das hat natürlich Gründe. So bedarf es sicher einer gewissen mentalen Anstrengung, sich up to date zu halten. Die Theorie-Praxis-Kluft scheint insbesondere in der unregulierten Coaching-Szene nicht unerheblich zu sein. Daher kommt dieses Buch gerade richtig. Der Anspruch der Autoren ist, das erste neurowissenschaftlich fundierte Grundlagenwerk für Coaching vorzulegen.

Ein Grundlagenwerk

Gerhard Roth / Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn. Stuttgart: Klett-Cotta. https://www.klett-cotta.de/buch/Psychologie/Coaching_Beratung_und_Gehirn/74868Meine Rezension ist soeben im Portal „MWonline“ erschienen. Der Wert dieses Buchs liegt insbesondere in seiner breiten Perspektive, liest es sich in weiten Strecken doch wie ein Grundlagenwerk zur Allgemeinen Psychologie. Das ist jetzt für (Wirtschafts-)Psychologen, die in den letzten zehn bis 15 Jahren studiert haben, nicht wirklich neu 😉 aber den anderen im Coaching-Feld Tätigen empfehle ich das Buch umso mehr.

Psychische Störungen und Coaching

Ich habe letztens erst mokiert, dass Coaches entweder nach dem Motto „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ gerne „präventiv“ ausschließen, sich mit psychischen Störungen zu beschäftigen. Oder im Gegenteil: Sie verharmlosen naiv oder dreist die Dinge nach dem Motto: Burnout – das ist doch unser täglich‘ Brot … Frederik Werner und ich hatten im Beitrag für das Coaching-Magazin die politische Forderung aufgestellt, das Thema psychische Störungen in die Curricula der Coaching-Weiterbildungen aufzunehmen.

Replik und Anregung

Leider haben sich die ersten Reaktionen auf unseren Beitrag (Leserbriefe) mit unserer politischen Forderung gar nicht befasst. Das hat uns doch sehr befremdet. Download der Replik: Beitrag in CM 3-16

Ina Riechert: Psychische Störungen bei Mitarbeitern Ein LeitfadenJetzt habe ich eine Bucherscheinung von Ina Riechert bei MWonline positiv besprochen. Ich empfehle sie als Basislektüre zum Thema psychische Störungen gerne. Es soll mal keiner behaupten, es gebe da nichts Passendes, der Aufwand sei unangemessen hoch oder das Thema außerhalb der eigenen Domäne: keine Ausreden mehr!

Coaching-Theorie. Eine Einführung

Michael Loebbert: Coaching TheorieIch habe ein wichtiges Buch gelesen: „Coaching-Theorie“ von Michael Loebbert. Am Ende meiner Besprechung in der Zeitschrift „OSC – Organisationsberatung – Supervision – Coaching“ (1/16) werde ich auch deutlich: „Manchen Praktikern mag die Mühe des Denkens und der Auseinandersetzung zu anstrengend sein. Diese werden sich aber zunehmend fragen lassen müssen, ob sie professionelle Dienstleister sein wollen oder Dünnbrettbohrer.“

Da werden manche jetzt wieder giften 😉 Aber drunter geht nicht.

Über den Phantomschmerz in der Psychologie

Wolfgang Schönpflug: Psychologie - historisch betrachtet: Eine EinführungEin kleines Büchlein von Wolfgang Schönpflug über „Psychologie – historisch betrachtet“ war mir wärmstens empfohlen worden. Ein spannendes Thema, das mir seit der Lektüre von Ulfried Geuters „Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus“ nicht mehr aus dem Sinn geht. Weshalb mir auch sehr am Herzen liegt, meinen Studierenden die 100 Jahre Wirtschaftspsychologie als Wechsel verschiedener Paradigmen  zu vermitteln.

Die Einheit der Psychologie

Nun, leider hat mich das Büchlein von Wolfgang Schönpflug nicht überzeugt 🙁 Schönpflug ist definitiv belesen, meint es vermutlich nur gut und will mit seinen 80 Jahren offenbar noch einmal Spuren hinterlassen. Aber für mich leidet er an der alten „Psychologenkrankheit“: Er trauert der „Einheit der Psychologie“ hinterher. Doch diese hat es nie gegeben. Wie heißt es schon in der Bibel (Pred. 1,14): Das ist Haschen nach Wind …

Affektlogik: Wut-Hass-Spiralen

Luc Ciompi & Elke Endert: Gefühle machen Geschichte_Die Wirkung kollektiver EmotionenBitter, wenn man so schnell von der Wirklichkeit (den Anschlägen in Brüssel) eingeholt wird … Am Abend vorher erst war mein Post bei MWonline erschienen. Ich muss zugeben, es hat etwas gedauert, bis ich Zeit fand, das Buch von Luc Ciompi & Elke Endert zur Affektlogik zu lesen. Es handelt von Wut-Hass-Spiralen als der Basis der Gewalt.

Verstehen und widerstehen

Die Ausführungen und die symmetrische Eskalation der Gewalt sind einleuchtend. Es bedeutet trotzdem eine Herausforderung für uns, sich nicht mitreißen zu lassen. Zum Verstehen sollte auch gehören, sich einzugestehen, dass wir unseren gesellschaftlichen Integrationsjob in der Vergangenheit nicht erfolgreich erledigt haben.

Übrigens habe ich mich an das Buch von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ – und natürlich an das Vorwort von Jean-Paul Sartre – erinnert; aber das wäre ja noch einmal eine ganz andere Geschichte.

Lehrbuch: Systemisches Coaching

Thomas Webers: Systemisches Coaching. Psychologische Grundlagen

Nicht das erste Buch mit dem Titel. Doch keines der vorliegenden hatte mich bislang überzeugt. Allerdings hatte ich mir das leichter vorgestellt: Ein eigenes Buch zu schreiben! Mit 20 Jahren Redaktionserfahrung auf dem Buckel und einer seit vier Jahren ständig verfeinerten Hochschulveranstaltung im Repertoire sollte das doch kein Akt sein, dachte ich mir … Weit gefehlt!

Genau an dieser Stelle beginnt die Arbeit erst. Man schlägt noch mal nach, gräbt noch mal tiefer, schaut über den Tellerrand hinaus. Dann hadert man und holt sich Feedback, wirft noch einmal alles über den Haufen – und beginnt wieder neu. Ich weiß jetzt, was es heißt, sich etwas abzuringen.

Psychologische Grundlagen

Inzwischen – nach der Veröffentlichung im Sommer 2015 – gibt es etliche anerkennende Rezensionen, positive Verkaufszahlen – und schon wieder neue Anregungen für die zweite Auflage.